Bei uns steht bald wieder Besuch vor der Tür, und das heißt für mich eines, ich plane Ausflüge. Und ich gebe es zu, ich plane die komplett aus dem Bauch heraus. Ich fühle mich in die Menschen rein, die kommen, gehe Gespräche in der Vergangenheit durch und vergleiche was am besten passen könnte, und dann weiß ich irgendwie, wo es hingehen muss.
Zu diesem speziellen Punkt am Meer, in dieses eine Café mit dem selbstgebackenen Kuchen, in die kleine schnuckelige Stadt, bei der man das Gefühl hat, man sei im Märchen direkt angekommen.
Und das Verrückte ist, es klappt. Jedes Mal. Am Ende fühlen sich alle wohl und fahren begeistert nach Hause, und ich stehe da und denke, na, Glück gehabt.
Nur dass es vielleicht gar kein Glück ist.
Der Oktober gehört bei mir der Weisen, und ihre Göttin ist Minerva. Und die beiden haben mir diese Woche ziemlich deutlich gezeigt, dass ich das, was ich da mache, jahrelang falsch benannt habe.
Wenn du jetzt eine alte Frau mit langen grauen Haaren vor dir siehst, die in einem Turm voller staubiger Bücher sitzt und Kräutertee trinkt, bist du in guter Gesellschaft. Das Bild hatte ich auch lange im Kopf. Und sie wohnt da manchmal bestimmt auch, die Weise, aber mindestens genauso oft findest du sie in der Küche, im Gespräch mit einer Freundin, oder eben beim Planen einer Reiseroute für Gäste.
Weisheit ist für mich Erfahrung, die sich irgendwann in Vertrauen verwandelt hat. Man hat so oft hingeschaut, so viel erlebt, so viele Menschen beobachtet, dass das Wissen irgendwann unter die Haut rutscht und von da aus einfach arbeitet, leise, ohne sich jedes Mal anzumelden.
Minerva passt da wunderbar hinein. Sie ist die römische Göttin der Weisheit, aber eben auch des Handwerks, des Webens, der Heilkunst und der klugen Strategie. Ihr Wissen bleibt nicht im Kopf hängen, es landet in den Händen. Geboren wurde sie übrigens, so erzählt es der Mythos, voll gerüstet aus dem Kopf ihres Vaters Jupiter, was für Jupiter vermutlich die unangenehmste Geburt der gesamten Mythologie war. Ihr heiliges Tier ist die Eule, die im Dunkeln sieht, was anderen verborgen bleibt. Aber zu ihr erzähle ich dir nächste Woche noch viel mehr.
Bevor wir zu den Anzeichen kommen, ganz kurz zu der Version der Weisen, die keiner gern zum Essen einlädt. Ihr Schatten ist die Besserwisserin im Elfenbeinturm. Kühl, urteilend, immer eine Spur überlegen, sieht alles und fasst nichts an. Sie weiß genau was bei dir schiefläuft und sagt es dir auch, ob du gefragt hast oder nicht, und irgendwie fühlst du dich danach kleiner als vorher.
Wir kennen sie wahrscheinlich alle von irgendeinem Familienfest. Und wenn wir ehrlich sind, kennen wir sie auch ein bisschen von uns selbst.
Sechs Anzeichen, und keins davon verlangt einen Turm voller Bücher.
Fangen wir mit dem Bauch an. Du weißt Dinge, ohne erklären zu können woher. Du triffst eine Entscheidung, spürst dass sie stimmt, und erst Wochen später versteht dein Kopf warum. So wie ich mit meinen Reiserouten. Dieses Bauchwissen fällt nicht vom Himmel, es ist die Summe von allem, was du je gesehen, gehört und durchgestanden hast, nur eben so gut verdaut, dass es sich wie Intuition anfühlt.
Merkwürdigerweise gehört auch der Zweifel dazu. Irgendwann passen die alten Antworten nicht mehr, das, was du gelernt hast wie man zu leben hat fühlt sich plötzlich zu eng an, und du fängst an Fragen zu stellen die dir vorher nie gekommen wären. Das kann sich ziemlich verwirrend anfühlen. Es ist aber meistens der Moment, an dem die Weise anklopft.
Dann kommt eine Fähigkeit, die ich persönlich für ein kleines Wunder halte, vor allem bei jemandem mit meinem Hang zur Kontrolle. Du kannst ich weiß es nicht sagen und dabei ruhig bleiben. Du hältst aus, dass manche Dinge kompliziert sind, dass es mehr als eine Wahrheit gibt, dass jemand anderes etwas völlig anders sehen kann und trotzdem recht hat. Wer das kann, muss nicht mehr jedes Gespräch gewinnen.
Und ja, du erwischst dich auch mal dabei, wie du in den Schatten rutschst. Wie du jemandem die Welt erklärst der gar nicht danach gefragt hat. Wie dieser leicht überlegene Ton in deine Stimme kriecht. Die erwachende Weise merkt das. Nicht immer sofort, aber sie merkt es, und dann kann sie lachen und einen Schritt zurücktreten.
Beim fünften Anzeichen wird es für mich persönlich. Du siehst das Licht in anderen viel klarer als sie selbst. In meiner Arbeit begegnen mir so viele kreative, liebevolle Menschen, die ihre eigene Besonderheit einfach nicht sehen können. Sie kämpfen mit dem Gefühl nicht gut genug zu sein für dieses Leben, dabei haben sie schon so viel geschafft und durchgestanden, und manchmal bricht es mir fast das Herz. Die Weise sieht das. Und irgendwann dreht sie den Blick auch mal um und fragt sich, ob sie vielleicht bei sich selbst genauso blind ist.
Und das sechste Zeichen ist vielleicht das reifste. Du willst dein Wissen weitergeben, ohne dich daran festzuklammern. Mich beschäftigt gerade sehr die Frage wie ich am besten diene, wie ich das, was ich weiß, und sehe sinnvoll in die Welt bringe. Und ich merke, echte Weisheit will fließen. Sie verschenkt sich, und es ist ihr ziemlich egal ob am Ende jemand sagt, du hattest recht.
Gerade lese ich einen wunderschönen Roman, Die Unbändigen, über drei Frauen in drei verschiedenen Zeitsträngen, die auf irgendeine Weise miteinander zusammenhängen. Wie genau, weiß ich noch nicht, ich bin mittendrin, also bitte keine Spoiler.
Aber schon jetzt beim Lesen habe ich das Gefühl, dass genau so Weisheit entsteht. Sie gehört selten einer einzigen Person. Sie wird weitergereicht, über Zeiten und Generationen hinweg, in Geschichten, in Gesten, in der Art wie jemand einen Teig knetet oder einen Streit schlichtet. Vieles von dem, was wir für unser ganz eigenes Bauchgefühl halten, haben andere Frauen vor uns schon mal gespürt.
Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich tröstlich. Man muss die Weisheit nicht allein erfinden. Man darf sie aufsammeln und weiterweben.
Vielleicht mit einer ganz kleinen Übung. Schreib dir heute drei Dinge, auf die du aus Erfahrung weißt, die dir aber nie jemand beigebracht hat. Wie man eine Freundin tröstet, wann ein Kuchen fertig ist ohne Stäbchenprobe, wann ein Gespräch kippt, bevor es kippt.
Und dann schau dir die Liste an und stell dir vor, eine deiner Klientinnen oder Freundinnen hätte sie geschrieben. Was würdest du ihr sagen?
Willst du immer weiter dein eigenes Wissen kleinreden, oder fängst du heute an ihm zu vertrauen?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.