Letzte Woche stand ich mit Gummistiefeln, Handschuhen und ziemlich entschlossenem Gesichtsausdruck in unseren Beeten und habe zerstört. Die Tomaten, die sich noch tapfer an ihre Stäbe klammerten, die Zucchini mit ihren mehligen Blättern und all die Sommerpflanzen, die uns monatelang so großzügig beschenkt hatten, alles flog nach und nach raus. Wer mich dabei beobachtet hätte, hätte vermutlich an eine kleine Gartenrevolution geglaubt, und damit hätte er sogar ziemlich recht gehabt.
Die alten Pflanzen landen bei uns auf einem Haufen, und genau dieser Haufen wird zum Boden für ein ganz neues Beet. Was heute nach Ende aussieht, nach welkem Grün und matschigen Stängeln, nährt im nächsten Frühling etwas, das wir noch gar nicht kennen. Beim Rausreißen dachte ich an Kali und ihre Kraft, da wurde mir klar, dass ich mitten in der Energie stand, die uns diesen November begleitet.
Willkommen bei der Zerstörerin, und willkommen bei Kali.
Bevor wir in die Anzeichen eintauchen, möchte ich dir Kali kurz vorstellen, und zwar mit ganz viel Respekt. Kali ist eine Göttin, die in Indien bis heute verehrt wird, vor allem in Bengalen, wo ihr zu Ehren in der Neumondnacht von Diwali im Herbst Feste gefeiert werden. Wir schauen also auf eine lebendige Göttin, deren Tradition viel älter und vielschichtiger ist als alles, was ich hier in einen Blog packen kann.
Ihr Name wird mit dem Sanskritwort kaala in Verbindung gebracht, das sowohl „schwarz“ als auch „Zeit“ bedeuten kann. Kali ist also die Schwarze und gleichzeitig die Zeit selbst, die alles hervorbringt und alles wieder zu sich nimmt. Einer der bekanntesten Mythen erzählt, wie sie aus der Stirn der Göttin Durga hervorbrach, als ein Dämon namens Raktabija nicht zu besiegen war, weil aus jedem seiner Blutstropfen, der zu Boden fiel, ein neuer Dämon wuchs. Sie tötete alle Dämonen, als sie aber auch anfing, die Gottheiten zu vernichten, warf sich Shiva ihr zu Füßen und besänftigte sie, indem er sich ihr opferte.
Mit ihrer dunklen Haut, der herausgestreckten Zunge, einer Kette aus Köpfen und einem Rock aus abgetrennten Armen sieht sie furchterregend aus, und ihre Verehrerinnen und Verehrer nennen sie liebevoll Kali Ma, Mutter Kali. Sie ist Schoß und Grab in einem, und darin steckt ihre Weisheit für uns.
Vielleicht merkst du in letzter Zeit, dass dir öfter der Kragen platzt. Kleinigkeiten, die du früher weggelächelt hast, bringen dich plötzlich auf die Palme, und irgendwo tief in dir brodelt etwas, das sich nicht mehr so einfach herunterschlucken lässt.
Viele von uns haben gelernt, dass eine gute Frau freundlich bleibt, und deshalb erschrecken wir uns oft vor unserer eigenen Wut. Kali schaut der Wut ruhig ins Gesicht. Den Mythos von Raktabija finde ich deshalb so spannend, weil er zeigt, was mit Gefühlen passiert, die wir ständig verdrängen. Jeder unterdrückte Tropfen Wut fällt irgendwo zu Boden und wächst als neuer kleiner Dämon nach, als Kopfschmerz, als Gereiztheit am falschen Ort oder als bittere Bemerkung beim Abendessen.
Gerade lese ich übrigens „Mein Name ist Lilith“ von Nikki Marmery, eine moderne Interpretation der Lilith-Geschichte. Der alten jüdischen Überlieferung nach war Lilith die erste Frau Adams, die sich weigerte, sich ihm unterzuordnen, und lieber das Paradies verließ. Auch sie wurde für ihre Wut und ihren Eigensinn über Jahrhunderte zur Dämonin gemacht. Lilith hat ihre Wut genutzt, um zu gehen, und ich wünsche uns allen, dass wir unsere nutzen, um endlich auszusprechen, was wir wirklich wollen.
Erinnerst du dich an meine Tomaten? Sie hingen noch an ihren Stäben, ein paar grüne Früchte warteten vergeblich aufs Reifwerden, und aus purer Gewohnheit hätte ich sie fast noch eine Woche stehen lassen. So ist das oft mit den Dingen in unserem Leben, die eigentlich längst vorbei sind.
Wenn Kali in dir erwacht, verlierst du die Geduld mit diesen halben Sachen. Die Verabredung, zu der du nur aus Pflichtgefühl gehst, die Aufgabe, die du seit Jahren erledigst, weil es eben immer so war, oder das Ja, das sich in deinem Bauch wie ein Nein anfühlt, all das sieht plötzlich so welk aus wie mein Beet im Oktober. Und das Schöne daran ist, dass du richtig handelst, wenn du es endlich rausreißt.
In meiner Arbeit mit Klientinnen begegnet mir ein Bild immer wieder, nämlich das der Frau, die alles allein schaffen möchte. Sie organisiert, sie trägt, und fragt niemanden um Hilfe, weil das ja bedeuten könnte, dass sie es eben doch nicht allein hinbekommt.
Irgendwann bricht diese Frau zusammen. Nichts klappt mehr, der Körper streikt, der Kopf ist leer, und von außen sieht es aus wie ein riesiges Scheitern. Ich habe aber oft erlebt, dass genau in diesem Moment etwas Elementares beginnt. Wenn das alte Bild zu Boden fällt, entsteht dort plötzlich Platz, und in diesem Boden darf etwas wachsen, das mit Hilfe von anderen so viel leichter gedeiht.
Die Zerstörerin hat übrigens auch eine Schattenseite, und die zeigt sich genau hier. Wenn wir ihre Kraft nach innen richten, zerstören wir uns selbst, mit Raubbau an unserem Körper, mit ständiger Überforderung und dem Gefühl, nie genug zu sein. Kali möchte das alte Bild zerschlagen, die Frau darunter will sie nähren.
Ein Thema beschäftigt mich gerade selbst ziemlich, und ich habe ehrlich gesagt noch keine fertige Antwort darauf. Wo übernehme ich zu viel Verantwortung für andere, und wo zu wenig für mich? Wie finde ich das Gleichgewicht zwischen der Frau, die sich jeder Verantwortung entzieht, und der Frau, die für alles und jeden geradesteht? Und warum machen wir das überhaupt?
Ich glaube, ein Teil der Antwort liegt im Gebrauchtwerden. Wenn wir für alle sorgen, fühlen wir uns wichtig, sicher und ein bisschen unersetzlich, und gleichzeitig nehmen wir anderen damit die Chance, selbst zu wachsen. Für den eigenen Garten zu sorgen, fühlt sich viel unbequemer an, weil uns dort niemand dafür dankt.
Kali trägt einen Rock aus abgetrennten Armen, und eine schöne Deutung sieht darin die Taten der Menschen, all das Handeln, das sie hinter sich gelassen haben. In einer ihrer Hände hält sie ein Schwert, das nach einer anderen Deutung die Bande der Gebundenheit durchtrennt. Vielleicht ist genau das ihr Geschenk für diese Frage. Sie hilft dir, die Fäden zu sehen, an denen du für andere ziehst, und mutig jene zu kappen, die gar nicht zu dir gehören. Die Verantwortung, die übrig bleibt, wird dadurch kleiner und gleichzeitig viel ehrlicher, denn sie gehört wirklich dir.
Wenn Kali die Zeit ist, dann gehören Anfang und Ende für sie ganz selbstverständlich zusammen. Wir Menschen tun oft alles dafür, ein Ende hinauszuzögern, weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt, oder davor, dass gar nichts mehr kommt.
Wenn die Zerstörerin in dir erwacht, verändert sich dieser Blick langsam. Du merkst, dass ein Abschied wehtun und trotzdem richtig sein kann, und du lernst, Verluste anzunehmen, ohne dich in ihnen zu verlieren. Mein Pflanzenhaufen im Garten ist gerade ein ziemlich trauriger Anblick, und ich weiß trotzdem, dass dort schon die Erde für den nächsten Frühling entsteht. Eine Frau, die das in ihrem eigenen Leben spürt, wird ruhiger, demütiger und auf eine ganz eigene Art furchtlos.
Kali wird auch mit dem Neumond in Verbindung gebracht, dieser dunklen Nacht, in der der Himmel scheinbar leer ist. Und so fühlt es sich manchmal an, wenn wir etwas losgelassen haben. Da ist plötzlich ein freier Platz in unserem Kalender, in unserem Herzen oder in unserem Kopf, und wir wissen noch gar nicht, was dort einziehen soll.
Viele von uns möchten diese Leere sofort wieder füllen, mit neuen Projekten, neuen Aufgaben und neuen Menschen, um die wir uns kümmern können. Wenn Kali in dir wach geworden ist, darfst du diesen Raum eine Weile einfach frei lassen, so wie mein Beet, das jetzt den Winter über ruhen darf. Die dunkle Jahreszeit hilft uns dabei, und die Rauhnächte stehen auch schon in den Startlöchern, um uns beim Träumen von dem zu begleiten, was im neuen Boden wachsen möchte.
Kali räumt auf, damit wieder Leben möglich wird, und sie ist dabei so ehrlich, wie es nur eine Mutter sein kann, die ihre Kinder wirklich frei sehen möchte. Vielleicht entdeckst du in diesen Wochen, dass in deiner Wut, deinem Abschied und deinem leeren Beet viel mehr Fürsorge steckt, als du je gedacht hättest.
Willst du immer weiter für alles und jeden die Verantwortung tragen, bis du selbst umfällst, oder räumst du heute mit Kali ein altes Beet frei?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.