Minerva

Warum echte Weisheit in den Händen beginnt

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Bei mir passiert abends etwas Seltsames. Tagsüber bin ich unterwegs, rede, höre zu, beantworte Nachrichten, rühre irgendwo in irgendeinem Topf. Und dann wird es dunkel, und es ist, als würde sich mein Geist an seinen inneren Schreibtisch setzen. Er sortiert den Tag, wühlt ein bisschen in den Schubladen, und plötzlich sind da Ideen, Impulse und Zusammenhänge, für die tagsüber einfach kein Platz war.

Lange dachte ich, das sei so eine Eigenheit von mir, so ein Nachteulending. Inzwischen glaube ich, dass da jemand anderes mit am Schreibtisch sitzt. Eine tatsächliche Eule nämlich. Und die gehört einer Göttin, die ihr euch diesen Monat gewünscht habt.

Minerva.

Wer Minerva wirklich ist

Die meisten kennen Minerva als die römische Schwester der griechischen Athene, und das stimmt auch, die beiden sind eng verwandt. Aber Minerva ist älter als ihr römisches Kostüm. Sie entwickelte sich aus der etruskischen Menrva, und vieles spricht dafür, dass diese Menrva in einer Dreiheit von Göttinnen die Alte Weise verkörperte. Erst später wanderte sie in den römischen Götterhimmel und bildete dort gemeinsam mit Jupiter und Juno die sogenannte Kapitolinische Trias, das wichtigste Dreigestirn Roms.

Ihr Zuständigkeitsbereich ist erstaunlich breit. Sie ist Göttin der Weisheit, aber eben auch des Handwerks und der Kunst, des Webens und Spinnens, der Heilkunst, der Musik, der Dichtung und der klugen Kriegsstrategie. Wer sich das anschaut, merkt schnell, dass da eine Frau steht, deren Weisheit nicht im Kopf hängen bleibt. Sie landet in den Händen.

Ihre Geburt hat Rom übrigens gleich mit von Athene übernommen, und die ist herrlich absurd. Jupiter bekam fürchterliche Kopfschmerzen, ließ sich den Schädel spalten, und heraus sprang Minerva, erwachsen und voll gerüstet. Ist das nicht die ehrlichste Darstellung eines Geistesblitzes, die die Mythologie zu bieten hat?? Der arme Jupiter.

Ein kleines Wort mit großer Geschichte

Gerade lese ich das große Hexen-Handbuch von Skye Alexander, und da bin ich über eine Stelle gestolpert, die mich seitdem begleitet. Das Wort Magier geht auf das lateinische magi zurück, und das bedeutet so viel wie weise Menschen.

Ich habe ein bisschen weitergegraben. Magi ist die Mehrzahl von magus, und das Wort kam über das Griechische aus dem Altpersischen, wo es eine Kaste von Priestern und Sternkundigen bezeichnete. In der Bibel werden die magi übrigens als die Weisen aus dem Morgenland übersetzt, ja, genau die mit Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Im August ging es bei mir um die Magierin, jetzt im Oktober um die Weise, und ganz ehrlich, ich wusste beim Planen nicht, dass die beiden sprachlich so eng verwandt sind. Die Magierin verwandelt, die Weise versteht. Und manchmal ist das eine einfach die ältere Schwester des anderen.

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Die Eule und der innere Schreibtisch

Minervas Tier ist die Eule, und kein Symbol passt besser zu ihr. Die Eule sieht im Dunkeln, sie steht für Hellsicht, für das Wahrnehmen von Dingen, die bei Tageslicht im Lärm untergehen.

Bei mir ist sie jeden Abend zu Besuch. Wenn es dunkel wird, verändert sich meine Energie, ich durchdenke und durchfühle den Tag, und auf einmal sehe ich Verbindungen, für die ich mittags blind war. Ich glaube, viele Frauen kennen das, dieses abendliche Klarwerden, das man oft als Grübeln ab tut oder als Schlafstörung mit besonders guten Ideen.

Vielleicht ist es einfach die Eule. Und vielleicht dürfen wir ihr öfter einen Platz am Schreibtisch freihalten, mit Kerze und Notizbuch, statt mit dem Handy, auf dem man dann doch wieder nur scrollt.

Der Schild mit dem Haupt der Medusa

Jetzt wird es spannend. Minerva trägt die Aigis, einen Brustschild, verziert mit Orakelschlangen und dem versteinerten Haupt der Medusa.

Medusa wird uns meistens als Monster verkauft, als die Frau, deren Blick versteinert. Ältere und feministische Lesarten sehen in ihr etwas ganz anderes, eine uralte weibliche Schutzkraft, ein Gesicht, das das Böse abwehrt, und die Schlangen in ihrem Haar als Zeichen weiblicher Weisheit und Erneuerung. Wir hatten die Schlange ja schon bei Kleopatra, und vielleicht erinnerst du dich, ich habe sie mir sogar tätowieren lassen.

Minerva trägt diese Kraft direkt auf der Brust, über dem Herzen. Ich lese das so, dass die Weise ihr Wissen auch schützen darf. Sie muss nicht jede Idee sofort in die Runde werfen, wo sie zerredet wird. Manches darf hinter dem Schild reifen, bis es stark genug ist.

Speer und Helm & Weisheit

Dazu trägt Minerva einen Helm mit Kamm, einen Speer und einen Rundschild. Das sind die Symbole der klugen Strategin, die Kriege lieber mit Überlegung gewinnt als mit blinder Kraft.

Und hier muss ich an etwas denken, das mir in meiner Arbeit ständig begegnet. Gerade im Berufsleben werden oft so viele Ebenen eingezogen, so viele Abstimmungsrunden und Rückfragen, nur damit ja niemand etwas falsch macht. Und irgendwann ist der Anfangselan kaputtdiskutiert, und jede neue, mutige Idee wurde im Keim erstickt, bevor sie überhaupt laufen konnte.

Das hat mit Weisheit ziemlich wenig zu tun. Minerva steht mit dem Speer in der Hand da, und der ist zum Werfen gedacht. Strategie heißt bei ihr, zu überlegen und dann zu handeln.

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Der Webstuhl, oder warum Erfahrung vor dem Nachdenken kommt

Minerva ist die Göttin des Webens und Spinnens, und für mich ist das ihr wichtigstes Symbol. Einen Teppich kannst du nicht im Kopf weben. Du musst den Faden in die Hand nehmen, dich verknoten, wieder aufribbeln, neu ansetzen.

Darin steckt ein riesiges Missverständnis über Weisheit. Wir halten sie oft für das Ergebnis von viel Nachdenken. Dabei steht vor jeder neuen Erfahrung erst das Handeln und danach die Reflexion. Weise wird das Nachdenken erst, wenn man eine Erfahrung schon ein paarmal gemacht hat und dann kurz innehält, bevor man wieder dasselbe tut wie immer, und sich bewusst neu entscheidet.

Erst der Faden, dann das Muster. Erst das Tun, dann die Eule am Abend, die erzählt, was du daraus lernen kannst.

Wenn die Weise zur Richterin wird

Es gibt eine Geschichte, die Ovid erzählt und die zeigt, dass auch Minerva einen Schatten hat. Die junge Weberin Arachne war so begabt, dass sie behauptete, besser zu weben als die Göttin selbst. Es kam zum Wettstreit. Arachne webte einen Teppich, der die Übergriffe der Götter auf sterbliche Frauen zeigte, so meisterhaft, dass Minerva keinen einzigen Fehler darin fand.

Und genau das machte sie wütend. Sie zerriss den Teppich, und am Ende wurde Arachne in eine Spinne verwandelt, die bis heute weiter webt.

Ich finde diese Geschichte unbequem und deshalb so wertvoll. Sie zeigt den Moment, in dem Weisheit kippt, in dem die Weise ihr Wissen benutzt, um andere kleinzuhalten, statt deren Wahrheit stehen zu lassen. 

Was das für dich bedeutet

Minerva erzählt von einer Weisheit, die Hände hat. Sie sieht im Dunkeln wie die Eule, sie schützt, was noch zart ist, hinter ihrem Schild, sie traut sich, den Speer zu werfen, und sie weiß, dass jedes Muster mit einem ersten unperfekten Faden beginnt.

Vielleicht ist das die Einladung für diesen Oktober. Mach den ersten Schritt, bevor du alles zu Ende gedacht hast, und setz dich dann abends an deinen inneren Schreibtisch und schau, was die Eule dir erzählt.

Willst du immer weiter jede Idee zerdenken, bis nichts mehr von ihr übrig ist, oder nimmst du heute den Faden in die Hand?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?

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Minerva – Warum echte Weisheit in den Händen beginnt

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Über mich

Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.

Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.

Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.

Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.

Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.

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