An meinem ersten Montag in meiner neuen Stelle lag auf meinem Schreibtisch eine handgeschriebene Karte meiner neuen Kolleginnen, auf der stand, dass sie sich freuen mich dabei zu haben, und daneben auf dem Fensterbrett wartete eine Hortensie in einem süßen rosa Topf, eines meiner absoluten Lieblingsgewächse. Ich hatte sofort Tränen in den Augen, weniger wegen der Größe der Geste, als wegen ihrer Freiheit. Niemand hatte das tun müssen und niemand bekam etwas dafür, es war einfach ein Akt der Freude von Menschen, die sich Mühe gegeben hatten, einen anderen Menschen willkommen zu heißen. So sieht Liebe aus, wenn sie aus sich selbst heraus geschieht.
In derselben Woche saß ich mit Fieber und verstopfter Nase auf dem Sofa und spürte trotzdem den Drang aufzustehen, um mich um meinen Partner zu kümmern, der gerade selbst eine stressige Zeit hatte. Dabei hatte er nichts gesagt und nichts verlangt, der Reflex kam ganz von allein, dieses dumpfe Gefühl, dass ich eigentlich müsste, dass ich doch noch schnell könnte, dass er es bestimmt gerade schwer hat. Ich musste mich aktiv dagegen wehren, liegen bleiben, atmen, und am Ende das Allerschwerste tun, nämlich selbst um Hilfe bitten, statt sie wieder einmal zu geben.
Zwei Momente in einer einzigen Woche, die denselben Unterschied zeigen. Auf der einen Seite die Liebe, die aus Freude entsteht und einfach gibt, auf der anderen der alte eingelernte Reflex, der aus Angst handelt und gibt, um nicht zu verlieren.
Den ganzen Mai über haben wir Freya erkundet, ihre Symbole, ihre Geschichte, ihre Pflanzen, und was mich bis zuletzt an ihr fasziniert, ist genau dieser eine Kern. Freya liebt aus Fülle, sie liebt, weil sie es will und nicht, weil sie fürchtet, was passiert, wenn sie es lässt. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen Liebe und Angst als Antrieb, und dieser Unterschied ist alles andere als klein.
In meiner Coachingarbeit begegnet mir der angstgetriebene Antrieb fast jede Woche. Es sind Frauen, die geben und machen und kümmern und organisieren, getrieben von einer leisen Angst davor was geschieht, wenn sie damit aufhören, statt aus einem inneren Überfluss heraus. Schon ein kleines Danke wäre für sie viel, und manchmal halten sie sogar dann durch, wenn nicht einmal das kommt, einzig um nicht noch schlechter behandelt zu werden. Das hat absolut nichts mit großzügiger Lieben zu tun.
Es ist eine Überlebensstrategie, und sie hat fast immer einen Ursprung in einem frühen Lernen, dass Liebe verdient werden muss, dass sie an Bedingungen hängt, dass man sich anstrengen muss, um sie zu bekommen und wachsam bleiben muss, um sie nicht wieder zu verlieren.
Aus diesem Lernen wachsen mit der Zeit ganze Mythen, also Geschichten über die Liebe, die sich anfühlen wie Wahrheiten und doch keine sind. Vier davon möchte ich heute mit dir gemeinsam auseinandernehmen.
Es klingt zunächst romantisch, dieser Gedanke, dass zwei Menschen sich so gut kennen, dass sie nichts mehr sagen müssen, dass der eine weiß, was der andere braucht, dass man einander auch ohne Erklärung versteht. Und manchmal stimmt das ja sogar, in wirklich tiefen Verbindungen gibt es diese Momente des stillen Verstehens die etwas Wundervolles haben.
Als Dauerzustand jedoch wird dieser Mythos gefährlich, weil er ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach Kommunikation in eine Schwäche verwandelt und so tut, als wäre jemand der redet und fragt und um Hilfe bittet weniger liebevoll als jemand der schweigend alles mit sich selbst ausmacht. Ich habe genau das in meiner eigenen kranken Woche erlebt, als ich auf dem Sofa lag und nichts sagte, weil das Sagen sich falsch anfühlte, weil eine wahre Liebe, das doch eigentlich von selbst wissen müsste. Dabei wollte ich nur etwas ganz Einfaches, eine Wärmflasche vielleicht, eine Tasse Tee, die Hand des Menschen, dem ich wichtig bin.
Freya hingegen spricht. Sie sagt, was sie will und was sie braucht und was sie nicht will, und ihr Brisingamen hat sie sich gewiss nicht schweigend erschaffen, sie hat verhandelt und gefragt und entschieden. Worte sind eben kein Zeichen einer schwachen Liebe, sie sind Liebe in ihrer aktivsten Form.
Dies ist vielleicht der tiefste und zugleich schädlichste aller Liebes-Mythen, denn er sitzt in vielen von uns wie ein alter Code, der sich automatisch aktiviert so bald, ein geliebter Mensch in der Nähe ist und etwas zu brauchen scheint. Er zeigt sich in der Frau, die sich krumm macht, um ihre Familie glücklich zu halten und darüber vergisst, wann sie selbst zuletzt glücklich war, er zeigt sich in der Freundin, die immer erreichbar bleibt, obwohl sie gerade ihre eigenen Feuer löscht, und er zeigte sich eben diese Woche in mir, als ich mit Fieber auf dem Sofa lag und mir trotzdem Gedanken darüber machte, ob mein Partner gut genug versorgt sei (während ich das schreibe, wundere ich mich mal wieder wie tief das verankert ist…).
Das Opfer wird uns als Beweis der Liebe verkauft, als Zeichen dafür, dass eine Beziehung echt und tief und ernst gemeint ist. Doch wenn wir zu Freya schauen, sehen wir das Gegenteil, denn sie opfert sich nicht für die Menschen, die sie liebt, sie liebt aus ihrer Fülle heraus, gibt was sie geben möchte und behält was sie behalten möchte, und gerade, weil sie sich nicht selbst aufgibt, hat sie überhaupt etwas zu geben.
Eine leere Schale nährt nun einmal niemanden, und das ist keine schöne Metapher, sondern eine schlichte Tatsache. Liebe die sich dauernd selbst opfert verwandelt, sich mit der Zeit in Erschöpfung und Bitterkeit und in jenen stummen Vorwurf, der im Raum hängt, wenn ein Mensch immerzu gibt und nie zurückbekommt, was er selbst so dringend braucht. Du musst dich nicht opfern, um zu beweisen, dass du liebst, denn die Kolleginnen, die mir die Hortensie hingestellt haben, haben sich auch nicht geopfert, sie haben aus Freude gegeben, und genau darin liegt der ganze Unterschied.
Dieser Mythos wächst oft aus echten Erfahrungen heraus, denn jede tiefe Beziehung kennt ihre schweren Phasen und jede Liebe begegnet irgendwann der Trauer, der Enttäuschung, dem Konflikt. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schmerz, der dazugehört und dem Schmerz, der eine Warnung ist.
Der Schmerz, der dazugehört entsteht, wenn zwei Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen aneinander reiben und daran gemeinsam wachsen, wenn ein Verlust kommt, wenn das Leben einfach schwer ist und man sich trotzdem nicht loslässt.
Der Schmerz, der warnt hingegen entsteht dann, wenn eine Beziehung einen kleiner macht statt größer, wenn man sich nach jedem Gespräch erschöpfter fühlt, statt verbundener, wenn man sich so lange anpasst, bis man sich selbst kaum noch erkennt.
Viele der Frauen, die zu mir kommen und sich verausgaben, bis nichts mehr übrig ist kennen oft nur noch diesen zweiten Schmerz, und doch halten sie durch, weil die Liebe das angeblich so verlangt, weil man eben nicht aufgibt, weil es schwierig sein darf.
Freya weicht dem Schmerz nicht aus, sie weint sogar Tränen aus rotem Gold, aber sie bleibt nicht in Verbindungen, die sie kleiner machen, weil sie den Unterschied zwischen den beiden Arten von Schmerz genau kennt. Und du darfst ihn auch kennen.
Diesen Mythos habe ich mir für den Schluss aufgehoben, weil er der leiseste von allen ist und gleichzeitig der der am meisten Schaden anrichten kann. Es ist die Vorstellung, dass es irgendwo einen Menschen gibt, der uns genau dort ergänzt, wo wir unvollständig sind, der uns ganz macht, der jene Lücke füllt, die wir in uns selbst so deutlich spüren.
Es ist eine wundervolle Vorstellung, und zugleich eine die uns in einem dauerhaften Zustand der Suche gefangen hält, denn wir suchen dann nach dem Menschen, der uns rettet, warten auf die eine Beziehung, die uns endlich richtig fühlen lässt und legen in jede neue Verbindung die heimliche Hoffnung hinein, dass diesmal jemand kommt der in uns heilt, was wir selbst nicht heilen konnten.
Bei meiner neuen Stelle habe ich gespürt, wie schnell genau dieser Reflex anspringt, dieses Bedürfnis mehr zu leisten und mich zu beweisen und gut genug zu sein, als müsste die Anerkennung von außen mir das geben wonach ich innerlich noch suche.
Freya dagegen wartet auf niemanden der sie vervollständigt, weil sie bereits ganz ist, und aus genau dieser Ganzheit heraus liebt sie und arbeitet sie und gibt sie. Das heißt nicht, dass wir keine Unterstützung und keine Verbindung bräuchten, es heißt nur dass wir diese Dinge von einem Ort der Stärke aus holen dürfen, statt von einem Ort der Bedürftigkeit.
Denn die Liebe, die uns wirklich nährt, kommt von jemandem der uns sieht, während wir bereits ganz sind, nicht von jemandem der uns retten will.
Vier alte Geschichten haben wir uns angeschaut, vier Mythen, die sich anfühlen wie Wahrheiten. Dass Liebe keine Worte brauche, dass sie sich opfere, dass sie Schmerz aushalte, dass sie uns vollständig mache. Was sie alle miteinander teilen, ist dass sie die Liebe zu einer Sache machen, die man verdienen und beweisen und durchhalten muss, zu einer Art von Leistung also.
Freya zeigt uns etwas ganz anderes, denn bei ihr ist die Liebe kein Verdienst, sondern eine Lebensweise, sie entspringt der Fülle und gibt aus Freude und kennt den feinen Unterschied zwischen dem Schmerz, der dazugehört und dem der uns warnen will. Und manchmal beginnt diese Art von Liebe ganz unscheinbar, mit einer handgeschriebenen Karte auf einem neuen Schreibtisch und einer Hortensie auf dem Fensterbrett.
Du musst Liebe nicht verdienen.
Sie ist längst da, in den Menschen, die dich wirklich sehen und in dir selbst sobald du dir erlaubst hinzuschauen.
Willst du immer weiter Liebe wie etwas behandeln das du dir mühsam erarbeiten musst, oder erlaubst du dir von jetzt an auch das zu empfangen was dir einfach geschenkt wird?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Wenn du tiefer in die Welt der Liebenden eintauchen möchtest, Sagas Briefe begleiten dich durch das ganze Jahr.
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.