Es war der erste Tag im Juni, und da war sie wieder. Diese Lust und Freude etwas zu erschaffen, die wochenlang einfach nicht da gewesen war.
Ich hatte mich schon zu fragen begonnen, ob mit mir alles in Ordnung sei, denn was die Programme angeht hatte mein Kopf eine richtige Pause eingelegt, gar nichts wollte da entstehen, kein Gedanke, kein Funke, nicht einmal eine kleine Idee am Horizont. Und dann, eines Morgens, war sie da. Ein inneres Wissen das sich behutsam meldet. Jetzt ist es Zeit. Diese Programme wollen geboren werden, und mein Job ist nur noch ihnen Raum zu geben.
Wenn ich darüber nachdenke, wie ich früher mit solchen Momenten umgegangen wäre, dann hätte ich vermutlich erst einmal angefangen zu planen, Listen geschrieben, Strukturen entworfen, alles bis ins Detail durchgedacht damit es ja perfekt wird. Heute weiß ich, dass eine Idee die wirklich aus mir kommen will, ihren eigenen Weg sucht, und meine Aufgabe darin besteht ihr beim Atmen zuzuschauen, statt sie in eine Form zu zwingen.
Das ist Gaia.
Vielleicht hast du diesen Namen schon einmal gehört, vielleicht auch nicht. Gaia ist eine der ältesten Göttinnen der griechischen Mythologie, und zwar jene aus der buchstäblich alles entstand. Im Anfang, so heißt es in den ältesten Texten, war das Chaos, und aus dem Chaos kam Gaia, die breitbrüstige Erde, die feste Grundlage von allem. Aus sich selbst heraus gebar sie den Himmel, die Berge, das Meer, und erst danach kamen die Götter und Göttinnen, die wir aus den späteren Mythen kennen. Sie brauchte keinen Mann dafür, keinen Vater, keinen Gott, der sie befruchtet hätte. Ihre schöpferische Kraft war so vollständig, dass aus ihr selbst eine ganze Welt entstehen konnte.
In den späteren Geschichten wurde sie systematisch klein geredet, zur bloßen Mutter Erde gemacht, oft sogar zur bloßen Bühne, auf der die männlichen Götter ihre Dramen spielten. Dabei ist sie etwas viel Größeres. Sie ist die Urschöpferin, die ursprüngliche kreative Kraft, die aus sich selbst schöpft und keine Vorlage im Außen sucht.
Genau das ist es, was sie uns Frauen heute zu sagen hat. Wir müssen im Außen nicht suchen, was wir erschaffen möchten, denn es ist bereits in uns, und es will durch uns hindurch in die Welt kommen.
In meiner Coachingarbeit erlebe ich jede Woche das Gegenteil. Frauen mit großartigen Ideen, mit echten schöpferischen Funken, die ihre Einfälle aber erst einmal mit anderen vergleichen, statt sie auszuleben. Was machen die anderen schon? Wo ist es perfekt? Wie haben es die anderen aufgebaut? Sie warten bis ihre Idee vollkommen ausgearbeitet ist, und sie warten oft so lange, dass die Idee verfliegt oder jemand anderes sie umsetzt, während sie noch planen.
Ich kenne diese Falle, denn ich war selbst lange darin gefangen. Erst nach mehreren Versuchen mit perfekt durchgeplanten Programmen, die dann ganz anders liefen als gedacht, habe ich verstanden, dass das Planen mit dem Schöpfen wenig zu tun hat. Hätte ich nur darauf vertraut, dass der richtige Impuls zur richtigen Zeit kommt, hätte ich mir viele Nerven sparen und diese Energie für schönere Dinge verwenden können.
Das ist der ganze Unterschied zwischen Machen und Schöpfen, und er ist riesig.
Machen heißt im Außen suchen, planen, ausdenken, kopieren, optimieren (was durchaus auch wichtig ist). Schöpfen dagegen ist ein intimer und einfacher Prozess, der ganz automatisch geschieht, sobald wir uns selbst zuhören. Stell dir eine weiße Leinwand vor. Sie ist das Schwierigste, das einer Künstlerin begegnen kann, weil es Millionen von Möglichkeiten gibt jetzt zu beginnen. Eine Blume malen, ein Haus, einen Menschen? Expressiv oder klassisch, abstrakt oder konkret, kühn oder fein? Im Außen würden sich tausend Wege anbieten, die alle ihre Berechtigung hätten.
Aber wenn ich mich frage, was ich gerade im Innen fühle, kommt eine ganz andere Antwort. Vielleicht Freude. Und wenn ich dann weiterfrage, welche Farbe diese Freude hat, antwortet etwas in mir sofort. Gelb. Voilà, der erste Pinselstrich ist gesetzt, ohne Vergleich, ohne Planen, ganz aus mir selbst heraus.
Das ist Schöpfen. Das ist Gaia.
Es gibt eine Fernsehsendung, die diesen Prozess wundervoll zeigt, sie heißt „Sing meinen Song“. Mehrere Künstler sind gemeinsam für ein paar Wochen in Südafrika und dann interpretiert jeder das Lied eines anderen auf seine eigene Art neu. Das Wundervolle daran ist, dass keiner versucht zu kopieren, jeder lässt das Lied durch sich selbst hindurchgehen und etwas Neues daraus entstehen. Aus einem Pop-Song wird plötzlich eine Ballade, aus einem ruhigen Lied ein wilder Rocksong, aus einer Hymne ein zarter Folksong. Alle nehmen aus derselben Quelle, doch was rauskommt ist jedes Mal anders, weil jeder Künstler eine eigene Innenwelt mitbringt, durch die das Lied hindurchläuft.
So funktioniert echtes Schöpfen. Wir hören, fühlen, nehmen auf und lassen es durch uns hindurchgehen, damit etwas Neues entsteht. Die Kunst liegt im Verwandeln, durch die eigene Stimme, ein bloßes Kopieren der Stimme einer anderen wäre etwas ganz anderes.
Wenn das einmal verstanden ist, beginnt Gaia in uns sichtbar zu werden. Sie wirkt in den großen Werken einer Künstlerin genauso wie in den vielen kleinen alltäglichen Momenten, in denen etwas aus uns heraus entstehen darf. Hier sind sechs Anzeichen dafür, dass sie schon längst in dir lebt.
Auch ohne, dass jemals eine Leinwand in deiner Hand gelegen hätte und ohne, dass du je ein Buch geschrieben hast, schöpfst du jeden Tag. Beim Decken eines Tisches entscheidest du welche Farben zusammenpassen, bei der Wahl deiner Kleidung legst du fest, wer du heute sein willst, und in jedem kleinen Akt des Planens einer Mahlzeit, eines Geschenks oder eines Spaziergangs trifft etwas in dir Entscheidungen die ganz aus dir herauskommen.
Das ist Gaia in dir. Sie zeigt sich gerade auch in der täglichen Gestaltung deines Lebens, weit über große kreative Werke hinaus. Mit jeder Wahl, die du triffst, formst du die Welt um dich herum, weil immer du es bist die entscheidet was hineindarf und was draußen bleibt. Schöpferkraft im Kleinen, und sie ist genauso real wie die Schöpfung eines Gemäldes oder eines Buches.
Pflanzen ziehen dich an, Erde fühlt sich gut an, ein schönes Stück Stoff oder ein wundervolles Holzbrett kann dich glücklich machen. Ohne diese sinnliche Verbindung zur Welt wirst du innerlich trocken, deshalb fühlst du dich genährt, wenn deine Hände im Teig sind oder wenn du barfuß durchs Gras gehst. Etwas in dir versteht, was viele andere oft vergessen, nämlich dass Schöpfen eine Sache des Körpers ist und nicht eine reine Kopfangelegenheit.
Gaia ist die Göttin der Erde, sie schöpft aus dem Greifbaren. Frauen, die ihre Schöpferkraft leben sind fast immer auch Frauen mit einem tiefen Bezug zur stofflichen Welt, zu Materialien, zu Texturen, zu Düften. Wenn das auf dich zutrifft, dann wirkt Gaia in dir.
Aus dem Nähren machst du keine Performance, du tust es einfach. Manchmal durch Essen, das du zubereitest, manchmal durch deine Worte, manchmal durch die Räume, die du so gestaltest, dass andere sich darin zuhause fühlen. Es geht dir kaum darum bewundert zu werden, dir geht es um etwas anderes, nämlich darum, dass Leben weitergehen kann, dass etwas wächst und gedeiht in deiner Nähe.
Das ist eine der zentralen Eigenschaften Gaias. Sie nährt das Leben, indem sie ist, indem sie da ist, indem sie die Grundlage bildet, auf der alles andere stehen kann. Frauen, die diese Energie in sich haben, werden oft erst spät als schöpferisch erkannt, weil ihre Schöpfungen so selbstverständlich und alltäglich aussehen, dabei tragen sie ganze Welten.
Es ist dir längst aufgefallen, dass du nicht immer gleich produktiv bist. Manche Wochen sprudelt es nur so aus dir heraus, andere Wochen brauchst du Pause und Ruhe und scheinbar passiert gar nichts. Vielleicht hast du sogar versucht dich in lineare Strukturen zu pressen, in tägliche Routinen, die immer gleich aussehen, doch das hat dich entweder erschöpft oder du hast es schlicht nicht durchgehalten.
Das ist Gaia in dir. Die Erde selbst arbeitet in Zyklen, alles in der Natur folgt Rhythmen von Wachstum und Ruhe, von Blühen und Sich-Zurückziehen. Frauen, die diese zyklische Arbeitsweise in sich tragen, sind keineswegs weniger produktiv als andere, sie produzieren nur anders, in Wellen, und sobald sie sich diese Wellen erlauben, schöpfen sie tatsächlich aus einer viel tieferen Quelle.
Manche Dinge, die du machst, haben gar keinen offensichtlichen Zweck. Ein kleiner Strauß Wildblumen findet seinen Weg auf dein Fensterbrett, obwohl ihn niemand sehen wird, in dein Notizbuch schreibst du Dinge, die du nie veröffentlichen willst, und auf einer Wanderung arrangierst du Steine in einem kleinen Kreis und gehst dann einfach weiter. Diese Schöpfungen haben keinen Nutzen, sie sind einfach da, weil sie entstehen wollten und durch dich hindurchkamen.
Das ist die reinste Form von Schöpfen, denn sie kommt aus dem Empfangen statt aus dem Wollen. In solchen Momenten bist du ein Kanal für etwas das gestaltet werden möchte, und Gaia wirkt in dir gerade dann, wenn du durchlässig bist für die schöpferische Kraft, die durch alles fließt, ganz ohne, dass du sie hättest rufen müssen.
Manchmal sitzt du im Garten oder gehst durch einen Wald oder schaust einfach aus dem Fenster, und plötzlich überkommt dich dieses Gefühl, dass du nicht allein bist, dass alles um dich herum lebt und dass du Teil eines viel größeren Geschehens bist. In solchen Augenblicken bist du keine kleine Einzelperson mehr die etwas leisten muss, sondern ein Faden in einem unfassbar großen Gewebe, und etwas schöpft durch dich das viel mehr ist als dein kleines Ego.
Das ist die tiefste Erfahrung der Gaia-Energie. Sie ist gar nichts was du machst, sondern etwas, was du bist, sobald du dir erlaubst weniger Person und mehr Lebewesen zu sein. Frauen, die solche Momente kennen, und sei es nur einmal im Monat, tragen Gaia bewusst in sich.
Sechs Anzeichen, sechs leise Hinweise darauf, dass Gaia längst in dir wirkt. Vielleicht hast du dich in mehreren wiedererkannt, vielleicht erst in zweien, vielleicht in allen sechs. Wichtig ist die Erkenntnis, dass das Schöpferische in dir kein ferner Berg ist, den du erst erklimmen müsstest, sondern eine Quelle in dir die schon längst sprudelt.
Auf Perfektion zu warten ist nicht erforderlich. Eine ausgebildete Künstlerin zu werden auch nicht. Im Außen zu suchen, was du erschaffen sollst, erst recht nicht. Es reicht völlig sich hinzusetzen, in sich hineinzuhorchen und zu fragen welche Farbe die eigene Freude heute hat, und dann den ersten Pinselstrich zu setzen, ganz aus sich selbst heraus.
Du musst nicht warten, bis du dich bereit fühlst.
Bereit warst du immer. Was bisher gefehlt hat war die Erlaubnis von innen, das, was schon da ist auch tatsächlich sichtbar werden zu lassen. Der Moment im Außen war immer da.
Willst du immer weiter Perfektion abwarten, bevor du erschaffst, oder vertraust du jetzt dem Impuls, der zur richtigen Zeit kommt und durch dich hindurch in die Welt gehen will?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Wenn du tiefer in die Welt der Schöpferin eintauchen möchtest, die Sagas Briefe begleiten dich durch das ganze Jahr.
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.