Diese Woche habe ich Jungpflanzen gekauft (meine Anzucht wurde leider aufgefuttert, nicht von mir…). Feldsalat, Grünkohl, Winterzwiebeln, dazu Knoblauch der jetzt noch in die Erde muss. Davor habe ich stundenlang YouTube-Videos geschaut, wie andere Leute ihre Winterbeete anlegen, mit einer Begeisterung die vermutlich niemand außer mir versteht. Es gibt so viele Sorten. So viele!!
Was mich daran fasziniert ist der Zeitpunkt. Die kommen jetzt in die Erde, wachsen sich durch die kalten Monate und geben mir mitten im Winter etwas Frisches, genau dann, wenn draußen alles grau ist und mein Körper nach irgendwas Grünem schreit.
Man kümmert sich also jetzt um etwas, damit später etwas da ist. Und wenn ich ehrlich bin, ist das ungefähr das Gegenteil von dem, was ich mit mir selbst über Jahre gemacht habe.
Der September gehört bei mir der Geberin, mit Demeter als Göttin an ihrer Seite. Und die beiden haben mir diese Woche einiges zu sagen gehabt.
Bevor wir zum schönen Teil kommen, kurz die unbequeme Wahrheit. Der Schatten der Geberin ist die leidende Märtyrerin. Die verschlingende Mutter. Das Verhalten, das bei anderen zuverlässig Schuldgefühle auslöst, oder das Menschen in ihrer Abhängigkeit hält, statt sie da rauszuholen.
Klingt hart, ich weiß. Aber ich glaube das muss es auch, weil dieser Schatten von außen aussieht wie Liebe.
Sie ist immer da. Fängt alles auf. Sagt nie nein und denkt für alle mit. Und irgendwo darunter läuft ein Tausch, der nie ausgesprochen wird. Ich gebe dir alles, und dafür schuldest du mir was. Anwesenheit vielleicht, Dankbarkeit, oder das gute Gefühl gebraucht zu werden.
Der Preis dafür ist hoch. Auf beiden Seiten.
Sechs Anzeichen, und ich warne schon mal vor, ein paar davon tun ein bisschen weh.
Das erste ist, wenn du merkst, dass du gerade rettest, statt zu unterstützen. Der Unterschied ist winzig und entscheidet trotzdem alles. Retten heißt, ich mache es für dich. Unterstützen heißt, ich zeige dir wie es geht und halte den Raum, während du selbst stolperst.
Und ja, Zuschauen beim Stolpern ist deutlich anstrengender als übernehmen. Deshalb machen es so wenige.
Das zweite ist, wenn du bemerkst, dass dein Geben Schuldgefühle produziert. Bei dir oder beim anderen. Wenn nach einer großzügigen Geste ein leiser Groll zurückbleibt oder so eine unausgesprochene Rechnung in der Luft hängt, dann war das Geben nicht frei. Dann war es ein Geschäft mit unklaren Konditionen.
Beim dritten wird es richtig unangenehm, weil es ums Nehmen geht. In meiner Arbeit sehe ich das ständig, Menschen, die alles alleine stemmen und dabei fast zerbrechen. Und dahinter steckt selten Stolz. Meistens ist es ein Muster aus der Kindheit, sogar eine Traumaantwort. Wer früh gelernt hat, dass Hilfe entweder gar nicht kommt oder immer mit Bedingungen verknüpft ist, der hört irgendwann auf zu fragen.
Und dann gibt man umso mehr. Weil Geben eine Position ist, die sich sicher anfühlt, während Nehmen einen ziemlich nackt dastehen lässt.
Das vierte ist der Moment, wo du anfängst zu unterscheiden zwischen Fürsorge, die bereichert und Fürsorge, die verstümmelt. Verstümmelt. Ein hartes Wort für etwas das wir sonst so hübsch verpacken. Aber genau das passiert, wenn ich jemandem dauerhaft die Dinge abnehme, die er selbst lernen müsste. Ich helfe ihm nicht, ich halte ihn klein.
Manchmal ist die liebevollste Handlung also das Nichtstun. Was sich anfühlt wie Verrat und trotzdem das Richtige ist.
Nummer fünf ist, wenn du faule Kompromisse zu erkennen beginnst. Das beschäftigt mich gerade sehr. Wo vergeude ich meine Zeit, wo sage ich ja, obwohl ich nein meine, wo halte ich an etwas fest, nur weil es bequem geworden ist? Die Geberin, die weiter ist als früher wird wählerisch, ganz simpel, weil sie weiß, dass ihre Kraft nicht unendlich ist.
Und das sechste, ist das unscheinbarste von allen. Du sorgst vor. Für dich. Ohne dass es jemand von dir verlangt hat und ohne dass es gerade dringend wäre. Jungpflanzen für den Winter, ein Gespräch, das erst in einem halben Jahr wichtig wird, eine Grenze, die du ziehst, bevor du erschöpft bist statt danach.
Da fängt für mich die Ebene an, auf der Geben groß wird. Wo aus privater Fürsorge etwas Strukturelles entsteht, wo jemand einen Ort baut, an dem viele aufgefangen werden. Und das Geschenk dieses ganzen Wegs, Mitgefühl und Großzügigkeit, ist dann keine nette Charaktereigenschaft mehr. Es ist etwas das man sich erarbeitet hat.
Demeter ist die griechische Göttin des Getreides und der Ernte, die gesamte Landwirtschaft der antiken Welt stand unter ihrem Schutz. Sie hat die Menschen ernährt, ganz buchstäblich.
Und dann wurde ihre Tochter Persephone in die Unterwelt entführt.
Was Demeter daraufhin tat, ist einer der wichtigsten Momente der griechischen Mythologie. Sie hörte auf zu geben. Nichts wuchs mehr, die Erde lag brach, die Menschen hungerten, weil eine Göttin ihren Schmerz nicht verstecken wollte.
Man kann das als Erpressung lesen, Zeus hat es sicher genauso gesehen. Ich lese es anders. Demeter hat einen Preis benannt. Sie hat vorgeführt was passiert, wenn man einer Geberin nimmt, was ihr das Wichtigste ist und dabei erwartet, dass sie weitermacht wie bisher.
Am Ende steht ein Kompromiss. Persephone verbringt einen Teil des Jahres oben und einen Teil unten, und aus dieser Regelung entsteht der Jahreszyklus. Demeter hat also nicht klein beigegeben. Sie hat eine neue Ordnung ausgehandelt, in der ihr Schmerz und ihre Fürsorge beide einen Platz haben.
Ziemlich beeindruckend für eine Frau die angeblich nur nährt und gibt.
Wir stehen im September, die zweite große Ernte läuft, das Licht wird weicher. Und gleichzeitig kommt schon in die Erde was durch die kalten Monate wachsen soll.
Der Jahreskreis zwingt uns hier zu keiner Entscheidung zwischen Ernten und Vorsorgen. Er lässt beides gleichzeitig geschehen.
Bei mir hat sich diese Woche irgendwas verschoben, so eine neue Ära, die anklopft, noch mulmig, weil ich selbst nicht genau weiß, was das wird. Und ich glaube die Antwort liegt genau hier. Man läutet eine neue Ära vermutlich nicht mit einem großen Knall ein. Man fängt an sich um das zu kümmern, was einen im Winter trägt.
Was säst du gerade für dich selbst?
Willst du immer weitergeben bis nichts mehr da ist, oder fängst du heute an dich um das zu kümmern was dich selbst nährt?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.