Der 1. Februar. Für die meisten Menschen nur der neue Tag eines neuen Monats, vielleicht noch grau und kalt draußen. Aber für jene, die den alten Rhythmen lauschen, ist dieser Tag etwas ganz anderes.
Imbolc.
Die Schwelle zwischen Winter und Frühling. Der Moment, in dem das Licht zurückkehrt, noch nicht warm, noch nicht hell genug, um den Schnee zu schmelzen. Aber da. Spürbar. Ein Versprechen.
Und mit dem Licht kehrt sie zurück: Brigid.
Imbolc (ausgesprochen: IM-olk oder IM-bolg) ist eines der vier großen Feste im keltischen Jahreskreis. Es markiert den Übergang vom tiefen Winter in die ersten Vorboten des Frühlings, jene zarte Phase, in der die Erde zu atmen beginnt, auch wenn es draußen noch eisig ist.
Das Wort „Imbolc“ stammt aus dem Altirischen und bedeutet „im Bauch“ oder „in der Milch“. Es bezieht sich auf die trächtigen Schafe, die in dieser Zeit Lämmer gebären, und deren Milch zu fließen beginnt, das erste Zeichen nach den kargen Wintermonaten, dass das Leben zurückkehrt.
Die Kelten wussten: Auch wenn der Winter noch nicht vorbei ist, beginnt unter der gefrorenen Erde bereits etwas Neues. Das erste Schneeglöckchen drückt sich durch den Frost. Die Tage werden merklich länger. Das Licht gewinnt an Kraft.
Imbolc ist das Fest dieser zarten, aber unaufhaltsamen Rückkehr.
Sie ist die Patronin der Poetinnen, der Bardinnen, der Geschichtenerzähler*innen. In ihrem Namen wurden die heiligsten Verse gesungen, die Legenden bewahrt. Brigid lehrt uns: Worte sind Magie. Geschichten formen Realität. Die Art, wie wir erzählen, über uns selbst, über die Welt, erschafft, was wird.
Sie hütet das Feuer der Schmiede. Das Feuer, das Metall schmilzt und neu formt. Das Feuer, das das Alte zerstört, um Platz für das Neue zu schaffen. Brigid ist die Alchemistin, sie nimmt das Rohe, das Gebrochene, das scheinbar Unbrauchbare und schmiedet daraus Werkzeuge, Waffen, Kunstwerke.
Sie fragt uns: Was schmiedest du gerade? Was muss geschmolzen werden, damit es neu geformt werden kann?
Sie steht an der Schwelle von Leben und Tod. Sie hilft dem Neugeborenen ins Leben, sei es ein Kind, ein Projekt, eine Vision. Sie kennt die Kräuter, die heilen. Sie weiß, wann festhalten und wann loslassen die größere Weisheit ist.
Brigid lehrt: Transformation ist Geburt. Und Geburt ist selten bequem.
In Kildare, Irland, hüteten keltische Priesterinnen, später christliche Nonnen, Brigids heilige Flamme über 1.000 Jahre lang. Tag und Nacht brannte dieses Feuer. Männern war es verboten, sich ihm zu nähern. Nur Frauen durften die Flamme bewachen.
Dieses Feuer war mehr als Licht und Wärme. Es war das Symbol für etwas, das niemals sterben darf: die weibliche Kraft, die erschafft, erhält und transformiert.
Die Flamme erlosch schließlich im 16. Jahrhundert, aber 1993 wurde sie von den Brigidine Sisters neu entzündet. Und sie brennt bis heute.
Die Christianisierung Irlands war, anders als in vielen anderen Regionen Europas, relativ friedlich. Die Missionare wussten: Brigid war zu mächtig, zu geliebt, um sie einfach auszulöschen.
Also taten sie etwas Kluges: Sie machten aus der Göttin eine Heilige.
Die Legende besagt, dass Brigid, nun als Heilige, im 5. Jahrhundert in Irland lebte. Sie gründete ein Kloster in Kildare (genau dort, wo einst die Flamme der Göttin brannte). Sie war Äbtissin, Heilerin, Beschützerin der Armen.
Ihre Geschichten klingen verdächtig vertraut:
Die Kirche übernahm Brigid. Sie änderte die Geschichten, die Symbolik, aber sie konnte das Wesentliche nicht auslöschen: Brigid ist Feuer. Brigid ist Transformation. Brigid ist weibliche Macht.
Die Menschen wussten das. Sie feierten weiter, nur unter einem neuen Namen. Bis heute ist St. Brigid eine der beliebtesten Heiligen Irlands. Und wer genau hinschaut, erkennt: Unter der christlichen Fassade lodert noch immer die uralte Flamme der Göttin.
Imbolc ist das erste Schneeglöckchen. Der erste Moment, in dem du merkst: Oh. Etwas verändert sich.
Und genau darin liegen die Geschenke dieses Festes, für unsere persönliche Transformation, für unsere Weiterentwicklung.
Wir leben in einer Kultur, die uns sagt: Neujahr = große Vorsätze, sofortige Veränderung, GO GO GO! Imbolc sagt uns etwas anderes: Du musst nicht explodieren. Du darfst keimen. Das Schneeglöckchen bricht nicht laut durch die Erde. Es drückt sich still, beharrlich, millimeterweise nach oben. Aber es kommt. Es ist unaufhaltbar.
Wenn du im Januar das Gefühl hattest, noch nicht „bereit“ zu sein für das neue Jahr, Imbolc sagt: Jetzt. Jetzt beginnt es wirklich. Die ersten Schritte dürfen klein sein. Die ersten Veränderungen dürfen zart sein. Aber sie sind da.
Frage dich:
Was keimt gerade in mir? Was will geboren werden, auch wenn es noch so klein, so zerbrechlich erscheint?
Brigid ist die Schmiedin. Ihr Feuer hat zwei Funktionen:
Imbolc lädt uns ein, beides zu tun.
Zu fragen:
Was muss ich loslassen, damit etwas Neues Platz hat?
Welche alte Geschichte halte ich fest, obwohl sie mich nicht mehr wärmt?
Was will ich schmieden, welche neue Version von mir, welches Projekt, welche Wahrheit?
Brigid ist die Göttin der Dichtung, der Geschichten. Und Imbolc ist der perfekte Moment, um zu erkennen:
Die Geschichten, die du über dich erzählst, formen dein Leben.
Wenn du dir immer wieder sagst: „Ich bin zu sensibel. Ich kann nicht Nein sagen. Ich bin nicht gut genug.“, dann lebst du in dieser Geschichte.
Imbolc fragt: Was, wenn du eine neue Geschichte schreibst?
Nicht über Nacht. Nicht mit Gewalt. Sondern Satz für Satz. Wort für Wort. Wie das Schneeglöckchen, das sich durch gefrorene Erde drückt.
Übung:
Schreibe einen Satz über dich, neu. Nicht, wie es war. Sondern wie es werden soll.
„Ich lerne, meine Grenzen zu ehren.“
„Ich erinnere mich, wer ich bin, wenn ich niemanden gefalle.“
„Ich bin die Autorin meiner Geschichte.“
Sprich ihn laut aus. Lass Brigids Feuer ihn in die Welt bringen.
Imbolc ist eine Schwelle. Kein Entweder-Oder, sondern ein Dazwischen. Noch Winter, aber schon Frühling. Noch Dunkelheit, aber schon Licht. Noch die alte Version von dir, aber schon die neue.
Schwellen sind unbequeme Orte. Man will durch sie hindurch, schnell, auf die andere Seite. Aber Brigid, die Hebamme, weiß: Geburt braucht Zeit. Transformation ist ein Prozess, kein Event. Imbolc lädt uns ein, in der Schwelle zu verweilen. Nicht wegzulaufen. Nicht zu verdrängen. Sondern zu fühlen: Hier, in diesem Dazwischen, geschieht die Magie.
Frage dich:
In welcher Schwelle stehe ich gerade?
Was will sterben? Was will geboren werden?
Kann ich hier bleiben, in diesem Ungewissen, ohne zu fliehen?
Imbolc ist, mehr als alles andere, ein Fest der Hoffnung. Nach den dunkelsten Monaten des Jahres, nach der Kälte, der Stille, der Schwere, kommt das Licht zurück.
Wenn du das Gefühl hast, schon lange in der Dunkelheit zu sein, wenn du müde bist, wenn du nicht mehr weißt, ob es jemals wieder hell wird, dann ist Imbolc dein Fest.
Es sagt: Das Licht kehrt zurück. Immer. Unaufhaltbar.
Du musst nicht daran glauben. Du musst nur hinschauen. Die Tage werden länger. Das Licht gewinnt. Die Erde beginnt zu atmen.
Und in dir? Beginnt etwas zu erwachen.
Auch wenn Imbolc offiziell am 1./2. Februar stattfindet, die Energie dieser Schwellenzeit erstreckt sich über Wochen. Du kannst jederzeit eintauchen.
1. Entzünde eine Kerze (oder viele)
Brigids Flamme darf niemals erlöschen. Entzünde eine weiße Kerze, für das zurückkehrende Licht, für Brigid, für das, was in dir geboren werden will. Setze dich vor die Flamme. Atme. Frage: Was will durch mich ins Licht?
2. Räuchere dein Zuhause
Traditionell wurden zu Imbolc Häuser ausgeräuchert, mit Wacholder, Rosmarin, Salbei. Das Alte wird symbolisch vertrieben, das Neue willkommen geheißen. Gehe mit Räucherwerk (oder einer Kerze) durch deine Räume. Sprich: „Was nicht mehr dient, darf gehen. Was kommen will, ist willkommen.“
3. Schreibe deine neue Geschichte
Brigid ist die Göttin der Dichtung. Nimm Stift und Papier.
Schreibe auf:
Lies es laut vor, deiner Kerze, Brigid, dir selbst. Dann: Verbrenne es (sicher!) oder bewahre es als Versprechen auf.
4. Ehre die Schwelle
Gehe spazieren, an einem Ort, wo du die Veränderung siehst. Suche das erste Schneeglöckchen, die erste Knospe. Stehe an einer echten Schwelle: Türrahmen, Brücke, Waldrand. Fühle: Hier bin ich. Zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Und das ist heilig.
5. Lade Brigid ein
Traditionell legten die Kelten zu Imbolc ein Stück Stoff oder Band vor die Tür, Brigids Mantel. Über Nacht, so glaubten sie, würde Brigid vorbeikommen und den Stoff segnen. Du kannst das auch tun. Lege ein Tuch, ein Band, einen Schal vor deine Tür (oder Fenster). Sprich: „Brigid, segne diesen Stoff. Segne mich. Hilf mir, zu werden, was ich sein soll.“
Hole es am Morgen herein. Trage es, wenn du Mut brauchst.
Imbolc verspricht uns nicht, dass der Winter vorbei ist. Es verspricht uns, dass das Licht zurückkehrt, selbst nach der längsten Dunkelheit. Brigid verspricht uns nicht, dass Transformation leicht ist. Sie verspricht uns, dass wir das Feuer in uns tragen, das Feuer, das schmilzt und schmiedet, das gebiert und heilt.
Wenn du das Gefühl hast, schon lange in der Kälte zu sein. Wenn du müde bist vom Warten. Wenn du dich fragst, ob jemals etwas Neues beginnen wird. Dann schau hin. Das erste Schneeglöckchen drückt sich durch gefrorene Erde. Das Licht kehrt zurück.
Und in dir? Beginnt etwas zu keimen. Imbolc ist nicht laut. Aber es ist unaufhaltbar. Genau wie du.
Du möchtest tiefer in die Welt der Göttinnen & Archetypen eintauchen? Erfahre mehr über Brigid, Lilith, Inanna und die anderen Gesichter des Weiblichen in meinem Newsletter „Sagas Briefe“ oder schau in meinen Coaching Programmen rein.
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.