Mein Mann war diese Woche im Kurzurlaub mit seinen besten Freunden. Und ich freue mich für ihn, wirklich, er sollte diese Zeit haben. Aber wenn ich ehrlich bin, saß da die ganze Zeit auch diese kleine Angst mit am Tisch. Was wenn ihm was passiert? Was wenn ich ihn gehen lasse und die Welt draußen ist gefährlicher als hier drinnen?
Das ist keine besonders erwachsene Reaktion, ich weiß. Aber sie ist ehrlich, und ich glaube sie ist auch uralt. Denn genau diese Angst hat vor Jahrtausenden schon eine Göttin durchlebt, so heftig, dass die ganze Welt darunter litt.
Demeter und Persephone.
Bevor wir zum Mythos kommen, ein kurzer Sprachexkurs, weil er doch spannend ist. Das griechische Wort meter bedeutet Mutter. De steht für das Delta, das Dreieck, und im griechischen Alphabet ist dieser Buchstabe auch als Symbol für die Vulva bekannt.
Demeter wird deshalb manchmal übersetzt als das Tor zum Geheimnis des Weiblichen. Oder als die Wurzel aus der Himmel und Erde entsprungen sind.
Diese Göttin war einmal viel mehr als eine nette Erntehelferin. Sie war die Große Göttin, verehrt lange bevor patriarchale Stämme die alten Kulturen eroberten und ein von männlichen Göttern dominiertes Pantheon an ihre Stelle setzten.
Demeter hat den Menschen den Getreideanbau gelehrt. Sie sammelte aus den vielen wilden Kräutern und Gräsern der Erde das Korn heraus und erfand, wie man sät, drischt, mahlt und daraus Brot backt. Damit war sie eine Übergangsgöttin im wörtlichsten Sinne, sie half den Menschen von einem nomadischen Leben zur Sesshaftigkeit zu finden.
Und mit der Sesshaftigkeit kam etwas noch Größeres. Wer Felder bestellt statt um Jagdreviere zu kämpfen, braucht andere Strukturen des Zusammenlebens. Demeter gilt deshalb auch als Schöpferin von Gemeinschaftsstrukturen, sie gab den Menschen Gesetze und die Eleusischen Mysterien, uralte Einweihungs- und Fruchtbarkeitsrituale die tausend Jahre lang in Eleusis gefeiert wurden, an der Stelle wo man den Eingang zur Unterwelt vermutete.
Das Christentum stand diesen Mysterien feindlich gegenüber, wegen ihres offen se*uellen Charakters. Im Jahr 396 wurde der Demeter-Tempel zerstört. Und trotzdem lebt ihr Kult im griechischen Brauchtum bis heute weiter, die letzte Garbe einer Ernte heißt noch immer Demeter.
Persephone, auch Kore genannt, was schlicht Mädchen bedeutet, war Demeters Tochter mit Zeus. Eines Tages pflückte sie Blumen auf einer Wiese, weit weg von ihrer Mutter. Hades, Herrscher der Unterwelt, sah sie und wollte sie zur Frau. Zeus hatte sie ihm versprochen, ohne dass Demeter davon wusste.
Die Erde riss auf, und Hades zog Kore mit sich hinab.
Was danach geschah, ist eine der eindringlichsten Szenen der griechischen Mythologie. Die Hilfeschreie der jungen Göttin hallten tief unter der Erde wider, sprangen wie ein dumpfes Echo von jedem Stein, gurgelten wie Quellwasser unter den Meeren, bis Demeter sie irgendwo hoch oben tatsächlich hörte.
Sie suchte neun Tage und Nächte, ohne zu essen, ohne zu schlafen. Als die alte Göttin Hekate ihr schließlich erzählte, was sie gehört hatte, ein Schrei nach Gewalt eines Morgens, wusste Demeter genug, um zu verstehen was passiert war.
Demeter verweigerte sich. Sie zog ihre Lebenskraft aus der gesamten Vegetation zurück, und damit verwandelte sich die grüne Erde zum ersten Mal in ihre goldgelbe herbstliche Form, bis der Winter seine kalte Decke über das Land zog.
Kein Kind wurde mehr geboren, keine Knospe öffnete sich mehr, das Getreide gedieh nicht mehr. Rasend vor Schmerz zog sie unerkannt durch die Welt, kam schließlich ins Haus des Keleos, Herrscher von Eleusis, wo man sie freundlich aufnahm, ohne zu wissen, wer sie war. Sie verhüllte ihr Gesicht, schwieg, verweigerte jeden Trunk und aß nichts.
Und dann passiert etwas das ich beim ersten Lesen kaum glauben konnte. Eine Dienerin namens Baubo, manchmal selbst als eine Form der Hekate gedeutet, sah die verzweifelte Göttin am Brunnen sitzen und wollte sie trösten. Trostworte erreichten Demeter nicht. Also tanzte Baubo wild, erzählte obszöne Witze, und weil sie, so die Erzählung, keinen Mund hatte, ließ sie ihre Vulva sprechen. Sie hob ihr Kleid und grinste Demeter frech entgegen.
Demeter lachte. Zum ersten Mal seit dem Verschwinden ihrer Tochter.
Das Lachen war so laut, dass Hades neugierig wurde, an die Oberfläche stieg, und nach einigem Hin und Her seine Gefangene freigab. Die Erde, die Felder, die Meere, die Bäuche der Frauen wurden wieder fruchtbar.
Ich finde diese Szene wichtiger als man ihr auf den ersten Blick zutraut. Demeter wurde nicht durch Argumente erreicht, nicht durch Trost im klassischen Sinn, sondern durch etwas Unerwartetes, Freches, Körperliches, das den Schmerz für einen Moment durchbrochen hat.
Zeus wollte zunächst gar nichts unternehmen, riet Demeter sich mit dem neuen Schwiegersohn abzufinden, der zufällig auch sein eigener Bruder war. Demeter fühlte sich von beiden verraten.
Schließlich verhandelte Zeus doch mit Hades. Der gab nach, aber mit einem Trick. Er reichte Persephone einen Granatapfel, bevor sie zurückkehrte. Wer aus der Unterwelt etwas gegessen hatte, konnte nicht vollständig zurück in die Welt der Lebenden.
Sie aß sechs Kerne, und man einigte sich auf sechs Monate im Jahr, in denen sie als Kore bei ihrer Mutter lebt, Frühling und Sommer entstehen. Die anderen sechs Monate muss sie als Persephone bei Hades sein, Herbst und Winter.
Wichtig dabei, sie kehrt nicht als dieselbe zurück. Kore, die süße junge Frühlingsgöttin, kommt als Persephone wieder, die Unterweltsgöttin, gewandelter, erfahrener. Jeder Verlust bringt tiefere Geschenke als das, was vorher da war.
Demeter konnte ihre Tochter nicht ewig festhalten. Persephone musste ihren eigenen Weg gehen, sogar in die Unterwelt hinein. Und Demeter musste lernen präsent zu bleiben, ohne die Kontrolle zu haben.
Ich merke das schon bei so etwas Kleinem wie einem Kurzurlaub. Wie viel größer muss dieses Gefühl bei einer echten Trennung sein, bei einem erwachsenen Kind, das auszieht, bei einer Klientin, die ihren eigenen Weg gehen muss, ohne, dass ich eingreifen kann?
In meiner Arbeit sehe ich das ständig. Mit Rat stehe ich zur Seite, versuche so viel wie möglich beizubringen, ohne selbst zu übernehmen, und das ist wirklich nicht immer einfach. Manchmal stoße ich an meine eigenen Grenzen, wenn ich nicht mehr weiß, wie ich etwas noch erklären soll und mein Gegenüber mich trotzdem nicht versteht. Das Schwierigste für mich ist dann, nicht einzugreifen. Zuzusehen wie jemand ihren eigenen Weg findet, auch wenn sie stolpert.
Demeters Attribute sind Kornähren, Äpfel, Mohnblumen, Myrte und Honig. Ihre heiligen Tiere sind das Schwein, als Zeichen ihrer Mütterlichkeit, weil es als besonders fruchtbares Tier gilt und mit seinem Rüssel eine tiefe Verbindung zur Erde hat, dazu der Delfin und die Biene. Mit dem Beinamen Melissa ist sie sogar Schutzgöttin der Bienen und des Honigs.
Der Mohn deutet darauf hin, dass bei ihren Ritualen opiumhaltige Getränke gereicht wurden, die in einen Trancezustand versetzten. Als Zepter trägt Demeter die Labrys, eine Doppelaxt, die auch bei den Amazonen und auf Kreta ein kultisches Symbol war.
Der Granatapfel gehört zu Persephone und ist vielleicht das kraftvollste Symbol von allen. Innen steckt er voller glänzender Kerne wie kleine rote Welten in einer Schale. Er steht für die Verbindung zwischen den Welten, dafür dass man einmal von der Unterwelt gekostet hat und deshalb für immer beides in sich trägt. Einen weiteren spannenden Blog dazu findest du hier.
Diese Woche bin ich voll im Herbstfieber. Ich war in der Bibliothek und wollte eigentlich zwei Bücher holen und bin mit fünf rausgegangen, Mystik, Fantasy, Rätsel, sogar ein Buch über Ayurveda. Es fühlt sich an, als hätte sich ein neues Portal geöffnet.
Übrigens steht die Sonne im Spätsommer und frühen Herbst im Sternzeichen der Jungfrau, und genau in dieser Zeit soll Demeter am deutlichsten spürbar sein, während sie von oben nach ihrer Tochter Ausschau hält. Deshalb wurde sie besonders im Spätsommer gefeiert, wenn die goldenen Ähren geerntet wurden.
Die eigentliche Frage, die mich gerade beschäftigt ist wie ich für andere da sein kann, wie ich viel aufnehme und empfange, und dabei trotzdem bei mir selbst bleibe. Wie ich meinen eigenen Charakter in die Arbeit einbringe, statt mich in fremden Bedürfnissen zu verlieren.
Ich glaube die Antwort liegt genau zwischen Demeter und Persephone. Die Fähigkeit zu geben und zu suchen wie Demeter, und die Fähigkeit den eigenen Weg zu gehen wie Persephone, selbst wenn er einen für eine Weile aus dem Blickfeld der anderen führt.
Demeter ist die Göttin für tiefe Lebenskrisen. Nicht nur für den Verlust eines Kindes, für jede Erfahrung in der einem das Liebste genommen wird. Sie zeigt anhand der Natur wie etwas blühen, wachsen, reifen, welken und absterben muss, bevor nach einer Ruhepause neues Leben erwacht.
Vielleicht gibt es gerade etwas in deinem Leben, das du loslassen musst, ohne die Kontrolle über den Ausgang zu haben. Ein Mensch, ein Projekt, eine alte Version von dir selbst.
Und vielleicht gibt es gleichzeitig etwas in dir das gerade seinen eigenen Weg in eine neue Jahreszeit sucht, so wie Persephone.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Willst du immer weiter festhalten aus Angst vor dem was passiert, wenn du loslässt, oder vertraust du heute darauf, dass der Kreislauf weitergeht?
Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.