Die Pflanzen der Weisen

Kräuter für Klarheit und Rückzug

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Letzten Sonntag habe ich etwas Ungeheuerliches getan. Ich bin den ganzen Tag zu Hause geblieben, in meiner ältesten Jogginghose und einem Pulli, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hat, und habe absolut nichts Vernünftiges geleistet. Okay, fast nichts. Ich habe einen Kürbiskuchen gebacken, der die ganze Wohnung nach Zimt und Herbst duften ließ, und mich danach mit „A Dark and Secret Magic“ von Wallis Kinney aufs Sofa gerollt.

Kennst du das Buch? Die Heldin nimmt dich mit in ihre Hexenküche, zwischen Kräuterbündel und brodelnde Töpfe, und ehe du dich versiehst, steckst du mitten in einem Abenteuer, während draußen die Blätter fallen. Für den Herbst kann ich es dir aus vollem Herzen empfehlen.

Und dann, irgendwo zwischen dem zweiten Stück Kuchen und Kapitel zwölf, war sie plötzlich da. Diese kleine, spitze Stimme, die fragt, ob ich mir das wirklich gönnen darf. Was würde wohl diese oder jene Person sagen, wenn sie mich jetzt so sehen könnte? Ich konnte das Urteil förmlich hören, und ganz ehrlich, ich konnte es auch spüren, irgendwo zwischen Magen und Brustbein. Kennst du diese Stimme auch?

Die gute Nachricht vorweg, bei mir ist sie über die Jahre deutlich leiser geworden. Ob sie irgendwann ganz verschwindet, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Was ich aber weiß, ist, dass mir an diesem Abend eine Kanne Tee geholfen hat, und um genau diese Kanne und die Pflanzen darin soll es heute gehen.

Warum die Weise sich zurückzieht

Im Oktober begleitet uns die Weise, und mit ihr Minerva, die Göttin, die mit ihrer Eule am Abend den Überblick behält. Die Weise braucht Rückzug wie wir Luft zum Atmen, denn Klarheit wächst selten im Lärm. Sie wächst dort, wo wir die Tür hinter uns zu machen, die Füße hochlegen und den vielen Stimmen von außen für eine Weile Sendepause verordnen.

Seltsam eigentlich, wie oft wir genau diesen Rückzug mit Faulheit verwechseln. Da hat der innere Kritiker ganze Arbeit geleistet. Er ist übrigens ein naher Verwandter der strengen Richterin, die wir im letzten Blog in Minervas Geschichte mit Arachne getroffen haben. Und wie bei jeder strengen Richterin hilft es, sie freundlich, aber bestimmt auf einen Stuhl in der Ecke zu setzen und ihr eine Tasse Tee in die Hand zu drücken.

Jeden Abend gibt es bei mir jetzt eine Kanne warmen Tee aus den Schätzen des Sommers. In meiner Kanne landen Ananassalbei, Pfefferminze, Ingwer und Thymian, und als ich angefangen habe, mich mit den Pflanzen der Weisen zu beschäftigen, musste ich schmunzeln, weil meine Hände offenbar schon längst wussten, was mein Kopf erst noch nachlesen musste.

Salbei, das Kraut mit dem weisen Namen

Fangen wir mit dem Salbei an, denn er trägt die Weisheit schon im Namen, zumindest wenn du ihn auf Englisch ansprichst. Dort heißt er „sage“, und genauso nennt man eine weise Person. Ich muss allerdings ehrlich sein, die beiden Wörter haben unterschiedliche Wurzeln. Der Pflanzenname kommt vom lateinischen salvia, das mit salvare zusammenhängt, also heilen und retten, während der weise Mensch über das Französische auf das lateinische sapere zurückgeht, was so viel wie schmecken und verstehen bedeutet. Zwei Wörter, die zufällig gleich klingen, und trotzdem finde ich diesen Zufall viel zu schön, um ihn zu übergehen. Eine Pflanze, die heilt, und ein Mensch, der versteht, sitzen da sprachlich auf derselben Bank.

Salbei wurde in den Klostergärten des Mittelalters hoch geschätzt, man gurgelte mit ihm, räucherte mit ihm und schrieb ihm zu, den Geist zu klären. Sein Duft ist herb, ein wenig harzig und hat etwas Ordnendes, als würde jemand in deinem Kopf die Fenster aufreißen.

In meiner Kanne wohnt seine fröhliche kleine Schwester, der Ananassalbei. Er stammt ursprünglich aus Mexiko und Mittelamerika, duftet tatsächlich nach reifer Ananas und blüht bei uns oft erst spät im Jahr mit leuchtend roten Blüten, wenn fast alles andere im Garten schon müde wird. Er ist der Genießer der Familie, mit wenig Heilpflanzentradition und jeder Menge Freude im Gepäck, und ich finde, die Weise darf durchaus wissen, wie gut ein Abend schmecken kann.

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Thymian für den Mut, bei dir zu bleiben

Der Thymian ist ein kleiner Kerl mit erstaunlich viel Rückgrat. Sein Name wird oft mit dem griechischen thymos in Verbindung gebracht, einem Wort für Lebenskraft und Mut, manche Quellen leiten ihn auch von thyein ab, was räuchern bedeutet. Beides passt, denn schon in der Antike wurde Thymian verräuchert, und überall rankt sich die Vorstellung um ihn, dass er Kraft und Tapferkeit schenkt. Im Mittelalter sollen Damen ihren Rittern einen Thymianzweig auf den Schal gestickt haben, damit sie mutig in die Welt ziehen.

Thymian wärmt, er öffnet die Atemwege und wirkt beruhigend auf einen gereizten Hals, und vielleicht schenkt er ja auch der Kehle ein bisschen Kraft, die so oft „ja klar, mach ich“ sagt, obwohl sie eigentlich eine Pause bräuchte.

Pfefferminze, die Klarmacherin

Wenn sich meine Gedanken abends im Kreis drehen wie ein Hamster, der seinen Feierabend verpasst hat, dann ist die Pfefferminze meine erste Wahl. Ihr Menthol kühlt, belebt und sorgt dafür, dass sich der Nebel im Kopf ein wenig lichtet.

Die Pfefferminze, wie wir sie heute kennen, ist eine Kreuzung aus Wasserminze und Grüner Minze und wurde erst Ende des 17. Jahrhunderts in England beschrieben. Ihre Familie ist allerdings uralt, und die griechische Mythologie erzählt von der Nymphe Minthe, die von einer eifersüchtigen Göttin in eine Pflanze verwandelt wurde. Je nach Erzählung war es Persephone oder ihre Mutter Demeter, die wir im September begleitet haben. Hades, so heißt es, schenkte ihr wenigstens den Duft, damit die Welt sie nicht vergisst. Ich finde, da steckt eine Botschaft drin, denn selbst wenn jemand versucht, dich klein zu machen, kann dein Wesen trotzdem den ganzen Raum erfüllen.

Ingwer, das Feuer von innen

Der Ingwer ist in meiner Kanne der Gast mit dem weitesten Weg in seiner Familiengeschichte, denn die Pflanze stammt aus dem tropischen Asien. Er bringt Feuer mit, und zwar genau die Sorte Feuer, die wir an kalten Oktoberabenden brauchen. Ingwer wärmt von innen, regt die Verdauung an und vertreibt dieses klamme Gefühl, das sich im Herbst so gern in die Knochen schleicht.

Für die Weise steht er für mich als Erinnerung daran, dass im Rückzug ein Feuer weiterbrennt, ganz ruhig, ganz beständig, und es kocht dort schon die nächste Idee vor, während du scheinbar nur auf dem Sofa liegst.

Rosmarin, das Kraut der Erinnerung

Der Rosmarin ist eher ein Küchenkraut als ein Teekraut, und in die Gesellschaft der Weisen gehört er unbedingt. Sein lateinischer Name ros marinus wird gern als „Tau des Meeres“ übersetzt, und wer schon mal über einen blühenden Rosmarinbusch gestrichen hat, weiß, wie sehr dieser Duft im Gedächtnis hängen bleibt.

Genau dafür ist er seit Jahrhunderten bekannt. Bei Shakespeare reicht Ophelia im Hamlet Rosmarin weiter, „das ist zur Erinnerung“, und es wird erzählt, dass schon Studenten im alten Griechenland Rosmarinzweige trugen, wenn sie lernten. Ob das so stimmt, kann ich dir nicht mit letzter Sicherheit sagen, aber das Bild gefällt mir sehr.

Die Weise lebt von dem, was sie erinnert, von allen Erfahrungen, die sie schon gemacht hat, und Rosmarin hilft ihr dabei, die Fäden ihrer Geschichte beisammenzuhalten.

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Der Olivenbaum, Minervas eigener Baum

Und dann gibt es noch einen Baum, ohne den diese Pflanzenrunde unvollständig wäre. Minerva wurde mit der griechischen Athene gleichgesetzt, und von Athene erzählt der Mythos, wie sie mit Poseidon um die Stadt Athen wetteiferte. Poseidon ließ eine Salzwasserquelle aus dem Felsen sprudeln, eindrucksvoll, aber leider ungenießbar. Athene pflanzte einen Olivenbaum, der Nahrung, Öl, Licht und Holz schenkte, und die Menschen entschieden sich für sie.

Ich liebe diese Geschichte, weil sie so wunderbar zeigt, wie die Weise denkt. Der große Auftritt beeindruckt kurz, die geduldige Gabe nährt Generationen. Olivenbäume können viele hundert Jahre alt werden, manche sogar weit über tausend, und sie tragen Früchte, deren Öl seit jeher Lampen zum Leuchten bringt. Vielleicht steht in deiner Küche ja gerade eine Flasche Olivenöl, und du schaust sie nach diesem Blog ein bisschen anders an.

Ein kleines Klarheits-Ritual beim Abendtee

Jetzt aber zur Praxis, denn die Weise beginnt ja bekanntlich mit den Händen. In meiner Arbeit mit Klientinnen begegnet mir Unklarheit ganz oft. Viele spüren, dass etwas sich verändern möchte, und können doch nicht benennen, was genau sie eigentlich wollen. Dafür gibt es eine kleine Übung, die ich dir für deinen nächsten Teeabend mitgeben möchte.

Nimm dir ein Blatt Papier und schreib auf, was du nicht willst. Alles darf raus, ohne Zensur, ohne schöne Formulierungen, der ganze Ärger, der dich im Alltag zwickt. Wenn das Blatt voll ist, trinkst du einen Schluck Tee und schaust dir jeden Punkt noch einmal an. Daneben schreibst du sein Gegenteil. Aus „ich will nicht mehr jeden Abend erreichbar sein“ wird vielleicht „ich wünsche mir Abende, die nur mir gehören“, und plötzlich liegt da auf dem Papier etwas, das sich nach einem Ziel anfühlt. Was wir nicht wollen, wissen wir nämlich meistens erstaunlich genau, und es ist ein wunderbarer Wegweiser zu dem, was wir uns wirklich wünschen.

Und falls der innere Kritiker dabei wieder seinen Senf dazugeben möchte, schreib auch seinen Satz auf, und schau dir an, was dann auf der anderen Seite steht.

Mein Abendtee aus den Schätzen des Sommers

Für eine Kanne mit etwa einem Liter nimmst du je einen gehäuften Teelöffel getrocknete Pfefferminze und getrockneten Ananassalbei, einen knappen Teelöffel Thymian und zwei bis drei dünne Scheiben frischen Ingwer.

Übergieß alles mit heißem Wasser und lass es zugedeckt etwa acht bis zehn Minuten ziehen, damit die ätherischen Öle in der Kanne bleiben und nicht davonfliegen. Wer mag, rührt am Ende einen Löffel Honig hinein. Bitte trink ihn als Genuss und in Maßen, gerade Salbei und Thymian sind in großen Mengen nichts für jeden Tag, und in der Schwangerschaft fragst du am besten vorher in der Apotheke oder bei deiner Hebamme nach.

Rosmarinsalz für deine Küche

Und weil der Rosmarin ja nicht in die Kanne durfte, bekommt er sein eigenes kleines Rezept. Zupf die Nadeln von drei bis vier Zweigen und gib sie mit etwa hundert Gramm grobem Meersalz in einen Mörser oder einen kleinen Mixer. Zerkleinere alles, bis das Salz grün gesprenkelt ist und herrlich duftet, verteile es dann dünn auf einem Backblech und lass es einige Stunden oder über Nacht trocknen.

Abgefüllt in ein hübsches Glas hält es sich lange, schmeckt wunderbar auf Ofengemüse, Kartoffeln und sogar auf einem Stück Kürbis, und es eignet sich ganz hervorragend als kleines Geschenk für eine Freundin, die auch mal einen Schlabberlook-Sonntag gebrauchen könnte.

Was dir die Pflanzen der Weisen zeigen können

Wenn ich an all diese Pflanzen denke, sehe ich eine kleine Versammlung weiser Frauen. Der Salbei, der heilt und ordnet, der Thymian, der Mut macht, die Minze, die den Kopf klärt, der Ingwer, der das Feuer hütet, der Rosmarin, der sich erinnert, und ganz am Rand Minervas Olivenbaum, der in Ruhe über allem wacht. Keine von ihnen fragt dich, ob du dir diesen Abend verdient hast.

Der innere Kritiker darf leiser werden, Tasse für Tasse, Sonntag für Sonntag, bis wir ihn irgendwann nur noch als fernes Murmeln hinter dem Duft von Kräutern wahrnehmen.

Willst du immer weiter um Erlaubnis fragen, bevor du dir einen Abend mit dir selbst gönnst, oder brühst du dir heute eine Kanne Klarheit auf?

Bist du bereit deine Geschichte neu zu schreiben?

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Die Pflanzen der Weisen

Salbei, Thymian, Pfefferminze, Ingwer, Rosmarin und Minervas Olivenbaum bilden zusammen eine kleine Versammlung weiser Pflanzen für die dunkle Jahreszeit. In diesem Blog erfährst du, welche Geschichten und Mythen in ihnen stecken und wie sie dir an Herbstabenden zu mehr Klarheit und einem leiseren inneren Kritiker verhelfen. Dazu gibt es ein Klarheits-Ritual zum Tee, mein Abendtee-Rezept und ein duftendes Rosmarinsalz zum Selbermachen.

Minerva – Warum echte Weisheit in den Händen beginnt

Minerva ist auf Wunsch meiner Community in den Oktober eingezogen und hat ihre Eule gleich mitgebracht. In diesem Blog erzähle ich dir, was Eule, Schild, Speer und Webstuhl über die Weise in dir verraten und warum das Wort Magie mit den „weisen Menschen“ verwandt ist. Zum Schluss schauen wir auch auf Minervas Schattenseite, denn an der Geschichte von Arachne sieht man, wie schnell aus der Weisen eine strenge Richterin werden kann.

6 Anzeichen, dass die Weise in dir erwacht

Ausflüge plane ich für Gäste komplett aus dem Bauch heraus, und es klappt jedes Mal. Lange dachte ich, das sei Glück. Vermutlich ist es Weisheit. 6 Anzeichen, dass die Weise in dir erwacht.

Über mich

Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.

Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.

Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.

Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.

Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.

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