Gestern Morgen war ich früh draußen, noch vor dem ersten Kaffee, was bei mir eigentlich nie vorkommt. Aber irgendetwas hat mich rausgezogen. Diese Aprilluft, die noch ein bisschen nach Nacht schmeckt und gleichzeitig schon nach dem Tag riecht der kommen will.
Ich bin einfach losmarschiert, ohne Ziel, ohne Handy, ohne Plan.
Und dann habe ich sie gesehen. Überall. Am Wegesrand, zwischen den Steinen, auf der Wiese die noch niemand gemäht hat. Löwenzahn. Gänseblümchen. Schafgarbe. Spitzwegerich. Alles was ich für diesen Blog brauche, einfach da, als hätte die Erde gewusst dass ich komme.
Da musste ich lachen. Durga schickt wohl keine großen Zeichen. Sie schickt einfach Wildkräuter.
Dieser Blog ist der dritte in unserem April mit der Kriegerin, und diesmal schauen wir auf das was direkt vor unseren Füßen wächst. Fünf Eigenschaften die eine Kriegerin braucht, vier Pflanzen die sie verkörpern, und Rezepte die du jetzt, in diesen Wochen, frisch draußen sammeln kannst.
Kein Kräuterwissen nötig. Nur ein Spaziergang und die Achtsamkeit am Wegesrand hinzuschauen.
Die erste Eigenschaft der Kriegerin ist vielleicht die unscheinbarste, nämlich dass sie sich nicht abhängig davon, ob die Umstände günstig sind. Sie wächst wo sie ist. Auch im Riss im Pflaster. Auch in der schlechten Saison und wenn niemand zuschaut.
Sie hat die tiefe Überzeugung, dass die eigene Wurzel stark genug ist überall zu gedeihen.
Die Pflanze: Löwenzahn
Taraxacum officinale. Der Löwenzahn braucht keine Einladung. Er wächst in Mauerritzen, auf Schotterwegen, zwischen Betonplatten, mitten auf dem Rasen den jemand penibel pflegt. Seine Pfahlwurzel geht so tief, dass man ihn kaum je vollständig rausbekommt. Wird er abgemäht, kommt er wieder. Wird er ausgerissen, hinterlässt er Wurzelreste die treiben neu aus.
In der Heilkunde ist er ein vollständiges Lebensmittel, Blätter, Blüten, Wurzeln, alles essbar, alles heilsam. Leber, Nieren, Verdauung, er reinigt, er stärkt, er treibt an.
Der Löwenzahn ist die Kriegerin die sagt, ich war schon hier bevor du mich bemerkt hast, und ich bin noch da nachdem du aufgehört hast hinzuschauen.
Oft wächst er, wenn der Boden zu dicht ist und bereitet deshalb die Erde für die anderen Pflanzen vor. Man kann ich von Kopf bis Fuß, äh nein, Blüte bis Wurzel, komplett verwerten.
Die Blätter jung geerntet schmecken leicht bitter und sind wunderbar als Salat, einfach mit Olivenöl und Zitrone. Wer den Bitterstoff mag, kann sie auch kurz in Butter andünsten wie Spinat. Aus den Wurzeln lässt sich ein Kaffeeersatz rösten, dunkel und malzig, der morgens überraschend gut tut. Die Blütenköpfe in Teigmantel getaucht und ausgebacken sind ein vergessener Klassiker der Wildkräuterküche. Und wer experimentierfreudig ist: Löwenzahnwein oder Honig, beides alte Frühlingsrezepte die in vielen Haushalten Tradition hatten.
Löwenzahn-Blütensirup (vegan, laktosefrei)
Für ein kleines Glas brauchst du etwa 100 frisch gepflückte Löwenzahnblüten, 400ml Wasser, 300g Zucker oder Rohrzucker und den Saft einer Zitrone.
Die Blütenköpfe sammeln, kurz abschütteln damit keine Insekten drin sind, grüne Kelchblätter soweit möglich entfernen. Mit dem Wasser aufkochen, von der Hitze nehmen und 12 Stunden ziehen lassen. Abseihen, Flüssigkeit mit Zucker und Zitronensaft aufkochen bis sich der Zucker löst und der Sirup leicht eindickt, etwa 10 Minuten. In sterile Gläser füllen.
Schmeckt nach Frühling und nach Hartnäckigkeit. Auf Pfannkuchen, in Limo, ins Porridge, über Joghurtalternativen.
Die zweite Eigenschaft ist, dass die Kriegerin weiß was sie kann. Damit meine ich nicht arrogant, auch nicht überheblich, einfach klar. Sie hat sich kennengelernt, hat ihre Stärken nicht weggemacht wenn sie unbequem waren, und setzt sie ein wenn es darauf ankommt.
Das klingt selbstverständlich und ist es kaum. Die meisten von uns haben so lange an sich gezweifelt, dass wir unsere eigene Wirkung gar nicht mehr sehen. Die Kriegerin hat aufgehört zu zweifeln ob ihre Kraft willkommen ist. Sie setzt sie ein und schaut dann.
Die Pflanze: Schafgarbe
Achillea millefolium. Die Schafgarbe trägt ihren Namen nach dem Mythos, Achilles soll sie benutzt haben, um die Wunden seiner Krieger zu heilen. Sie ist eine der ältesten Heilpflanzen Europas, blüthestabilisierend, entzündungshemmend, kreislaufregulierend, fiebersenkend. Wenn etwas in deinem Körper aus dem Gleichgewicht geraten ist, weiß die Schafgarbe das oft schneller als du.
Sie wächst jetzt überall auf Wiesen und Wegrändern, noch niedrig, mit ihren gefiederten Blättern die ihr den Volksnahmen „Tausendblatt“ eingebracht haben. Die Blüten kommen im Mai, aber die Blätter kannst du schon jetzt ernten.
Sie kennt ihre Heilkraft und setzt sie ein. Genau wie die Kriegerin.
Als Tee ist sie klassisch und bewährt, besonders bei Verdauungsbeschwerden und Regelschmerzen. Ein Schafgarbenbad, eine Handvoll Blätter im heißen Badewasser, wirkt entspannend und entzündungshemmend. Wer Tinkturen macht: Schafgarbe in Alkohol angesetzt ist eine der vielseitigsten Hausapotheken-Grundlagen. In der Küche passt sie auch fein gehackt zu Kräuterziegenkäse.
Schafgarben-Kräuteröl (für äußere Anwendung)
Eine Handvoll frische Schafgarbenblätter kurz anwelken lassen, damit die Feuchtigkeit verdunstet, grob hacken. In ein sauberes Schraubglas geben, mit hochwertigem Olivenöl oder Mandelöl bedecken, sodass alle Pflanzenteile unter dem Öl sind. Vier Wochen an einem hellen Ort ziehen lassen, täglich kurz schwenken. Dann abseihen und in ein dunkles Fläschchen füllen.
Wirkt bei Muskelverspannungen, kleinen Wunden, gereizter Haut. Ein Öl das weiß was es kann.
Das ist vielleicht die Eigenschaft die am häufigsten missverstanden wird. Kriegerin klingt nach Härte, nach Unnahbarkeit, nach dem Gegenteil von Zartheit. Dabei ist das eine der tiefsten Qualitäten Durgas, nämlich dass sie vollständig offen und vollständig unzerstörbar ist. Beides gleichzeitig.
Die Frau die weinen kann und trotzdem standhält. Die sich berühren lässt und nicht umfällt. Sie lebt die Sanftheit in Bewusstheit.
Die Pflanze: Gänseblümchen
Bellis perennis, die kleine immerwährende Schöne. Das Gänseblümchen übersteht Frost, Schnee, Rasenmäher, Kinderfüße. Es blüht von März bis November, schließt sich nachts und öffnet sich täglich neu. Es ist die zarteste Blüte auf der Wiese und gleichzeitig die hartnäckigste.
In der Heilkunde ist es ein Entzündungshemmer, ein Schleimhautregenerator, ein sanftes Mittel für Erkältungen und Erschöpfung. In der Blütenmedizin steht es für Freude, Unschuld und die Kraft des Neubeginns.
Es sieht aus wie das zerbrechlichste Ding auf der Wiese. Und ist eines der widerstandsfähigsten.
Die Blüten direkt auf Salate streuen macht jeden Teller zu einem Frühlingsgemälde. Als Blütenessig eingelegt, einfach frische Blüten in weißen Weinessig, entsteht nach zwei Wochen etwas Zartrosa-Duftendes das auf Salate oder in Dressings gehört. Gänseblümchenbutter, ähnlich wie die Bärlauchbutter vom März-Blog, nur milder und blumiger, passt wunderbar auf Brot. Die Blätter sind ebenfalls essbar, etwas zäher aber im Smoothie kaum zu merken.
Gänseblümchen-Honig (vegan auch mit Agavendicksaft möglich)
Etwa 50 frisch gepflückte Gänseblümchenblüten, gut abgeschüttelt, in ein kleines Glas geben. Mit 200g mildem Honig oder Agavendicksaft übergießen, sodass alle Blüten bedeckt sind. Mindestens eine Woche ziehen lassen, gelegentlich umrühren. Die Blüten können drin bleiben oder abgeseiht werden.
Über Porridge, auf Brot, in Tee, als Begleitung zu allem was Süße und Zartheit braucht. Ein Honig der aussieht wie eine Frühlingswiese.
Diese Eigenschaft kennen wir schon aus dem ersten Blog, aber sie ist so wichtig dass sie auch hier stehen darf. Die Schattenkriegerin kämpft gegen. Gegen die Mäuse, gegen das Unkraut, gegen das Leben das sich nicht fügt. Die echte Kriegerin kämpft für. Für ihre Kinder, ihre Werte, ihre Arbeit, ihre Gesundheit, die Menschen die ihr wichtig sind.
Das ist kein kleiner Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen Erschöpfung und Kraft, zwischen Bitterkeit und Entschlossenheit.
Diese Eigenschaft hat keine eigene Pflanze. Sie braucht keine. Sie ist das Herzstück von allem was hier steht.
Ich denke an den Garten. An die Kohlrabi die kamen, nachdem ich aufgehört hatte gegen die Mäuse zu kämpfen, und anfing für den Garten zu sorgen. Schutz statt Krieg. Dasselbe Ziel, vollkommen andere Energie.
Die letzte Eigenschaft ist die die uns am teuersten kommt wenn sie fehlt. Grenzen kennen ist eine Sache. Grenzen halten, auch wenn jemand sie nicht versteht, auch wenn es unangenehm wird, auch wenn die eigene Stimme dabei zittert, das ist die eigentliche Arbeit.
Durga hält ihre Grenzen ohne Entschuldigung. Sie schützt damit das was wichtig ist.
Die Pflanze: Spitzwegerich
Plantago lanceolata. Der Spitzwegerich wächst überall dort wo viel begangen wird. An Wegen, auf Trampelpfaden, an Stellen die regelmäßig getreten werden. Er ist eine der robustesten Heilpflanzen die es gibt, sein Gewebe übersteht Druck und Belastung ohne nachzugeben.
Gleichzeitig ist er einer der besten Wundheilpflanzen Europas. Antiseptisch, entzündungshemmend, schleimhautberuhigend. Ein frisches Blatt auf eine Biene gestochene Stelle gedrückt, zwei Minuten gehalten, der Schmerz lässt nach. Das wissen Kinder die draußen spielen seit Jahrhunderten.
Er wächst dort wo getreten wird. Er heilt was wund ist. Er hält stand.
Die jungen Blätter sind essbar und erinnern leicht an Pilze wenn man sie anbrät, das überrascht viele. Als Chips im Ofen getrocknet mit etwas Öl und Salz sind sie ein wildes Snack-Erlebnis. Frisch aufgelegt auf Insektenstiche, Brennnesselverbrennungen oder kleine Wunden ist er die schnellste Erste-Hilfe die die Natur kennt. Und wer Salben macht: Spitzwegerich-Ringelblumen-Salbe ist eines der klassischsten Hausmittel das sich seit Jahrhunderten bewährt.
Spitzwegerich-Hustensirup (vegan, laktosefrei)
Eine große Handvoll frische Spitzwegerichblätter grob schneiden, in einen Topf geben, mit 500ml Wasser bedecken und 20 Minuten köcheln lassen. Abseihen, die Flüssigkeit mit 200g Honig oder Agavendicksaft aufkochen bis sie leicht eindickt. Abkühlen lassen, in ein dunkles Fläschchen füllen.
Hält sich im Kühlschrank drei bis vier Wochen. Bei Husten, Halsschmerzen, gereizten Schleimhäuten.
Der April zeigt uns, Kriegerinnen wachsen nicht im Gewächshaus. Sie wachsen wild, an den Rändern, dort wo niemand extra Platz gemacht hat für sie.
Wenn du in den nächsten Wochen spazieren gehst, schau nach unten. Löwenzahn, Gänseblümchen, Schafgarbe, Spitzwegerich. Sie sind alle da. Unter den unmöglichsten Bedingungen finden sie ihren Platz und kämpfen dafür.
Das ist Durgas April-Botschaft. Warte nicht auf die perfekten Umstände. Nimm deinen Platz ein und kämpfe dafür.
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Und wenn du heute rausgehst und das erste Gänseblümchen siehst, grüß es von mir.
Ich, Ann-Kathrin, war einmal die Frau, die in Räumen unsichtbar wurde. Die ihre Meinung schluckte, bevor sie ausgesprochen war. Die lernte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient durch Anpassung, durch Schweigen, durch das Verschwinden der eigenen Bedürfnisse.
Mit 23 konnte ich manchmal kaum aufstehen. Nicht weil mein Körper krank war, sondern weil meine Seele unter einem Gewicht lag, das ich nicht benennen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal von Coaching hörte. Von der Idee, dass Geschichten nicht festgeschrieben sind.
Heute bin ich Story Alchemistin. Ich begleite Frauen auf dem Weg von der Gefangenen zur Schöpferin ihrer eigenen Geschichte. Mit den Archetypen wilder Göttinnen als Wegweiserinnen. Mit der uralten Weisheit, dass Transformation Zerstörung verlangt.
Die alte Geschichte niederbrennen. Die neue aus der Asche erschaffen. Das ist meine Arbeit. Das ist Story Alchemie.
Und genau diesen Weg gehe ich mit Frauen, die bereit sind, ihre eigene Verwandlung zu wagen.